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Therapeutische Gesprächsführung – Die Kunst des Unterbrechens

von | 27.09.2019 | 1 Kommentar

Therapeutische Gesprächsführung: Die Kunst des Unterbrechens

Es gibt Klienten, die kommen in den Raum und beginnen zu reden. Sie fangen an, ihren Tag und ihre Woche zu erzählen, erzählen, was ihnen widerfahren ist und wie furchtbar Dinge wieder einmal waren.
Als TherapeutInnen haben wir gelernt, gute ZuhörerInnen zu sein. Wir sitzen da, horchen auf das Gesprochene und fangen irgendwann an, innerlich abzuschweifen. Statt mit therapeutischer Gesprächsführung aktiv einzugreifen, ertappen wir uns vielleicht dabei, dass wir müde werden oder über unseren nächsten Einkauf nachdenken.

Was bedeutet psychotherapeutische Gesprächsführung?

Wir Menschen haben verschiedene Möglichkeiten, über uns und unser Leben zu erzählen. Wir leben in Geschichten! Und wir erzählen anderen und auch uns selbst immer wieder diese Geschichten. Die entscheidende Frage dabei ist, wie verbunden sind wir tatsächlich mit uns und dem Erzählten?

Achte auf die innere Verbundenheit

Ist die Erzählerin mit dem, was sie erzählt, tief verbunden, dann sind wir als Zuhörer sehr interessiert und manchmal sogar gebannt. Wir selbst fühlen uns mit der Geschichte verbunden und können sogar Teil der Geschichte werden.
Erzählen Menschen jedoch ihre Geschichte aus einer Unverbundenheit heraus, dann fangen wir an uns, zu langweilen und innerlich abzuschweifen. Das ist normal, denn wir haben das Gefühl, dass wir gar nicht gemeint sind. Es fühlt sich an, als würde jemand „nicht wirklich“ zu uns Kontakt aufnehmen, sondern einfach erzählen – egal, wer da gerade als Gegenüber sitzt.

Wir alle kennen in unserem Leben extreme VertreterInnen dieser kontaktfreien Erzählform. Fragen wir z.B. Menschen: „Wie geht es Dir?“ atmen diese ein, beginnen ohne Unterbrechung zu erzählen, was ihnen alles Unangenehmes widerfahren ist. Sie reden ohne Punkt und Komma. Meist hoffen wir dann höflich auf eine Pause. Wir versuchen irgendwie „dazwischen zu kommen“, um deutlich zu machen, dass wir leider keine Zeit mehr haben.

Ich habe mich immer gefragt, was in solchen Menschen passiert und warum sie das machen? Es gibt natürlich Menschen, die einfach selbst nicht zuhören können oder wollen und jeden als Leinwand für ihre eigene Geschichte benutzen. Aber es gibt auch Menschen, die nicht so sind und trotzdem nicht aufhören zu erzählen.

Klienten hoffen auf Erlösung

Inzwischen bin ich sicher, dass diese Menschen innerlich sehr in Not sind. Sie haben die Überzeugung, dass sich ihr Leiden ändert, wenn sie es sich „von der Seele“ reden. Sie hoffen auf Erlösung, indem sie alles erzählen, was ihnen passiert ist. Manchmal haben sie auch sonst niemanden (mehr) in ihrem Leben, dem sie etwas mitteilen könnten.
100 Jahre nach Freud hat sich gesellschaftlich „Reden“ als Form der Lösung von Schmerzen und Problemen etabliert. Menschen denken, sie müssten uns alles aus ihrem Leben erzählen, damit wir sie verstehen und ihnen helfen können.

Was ihnen jedoch fehlt, ist – wie oben schon erwähnt – die Verbundenheit mit dem Erzählten.

Was verstehe ich unter verbundener Kommunikation?

Bei einer verbundenen Kommunikation stehe ich mit mir selbst und mit meinem Körper in Kontakt. Darüber hinaus bin ich auch mit meinem Gegenüber in einer empathischen Verbindung.
Ich nutze „Sprechen“ dafür, eine tiefe Verbindung mit mir selbst aufzubauen. Ich lausche während des Redens nach innen und fühle, was sich in meinem Körper verändert, welche Gefühle auftauchen und welche Assoziationen ich habe.
Dadurch wird Reden zu einer Art Selbstexploration. Im besten Fall hilft mir mein Gegenüber dabei, weil es durch die empathische Verbindung mit dem Prozess verbunden ist.
Es ist auch wichtig, dass beide Gesprächspartner dazu bereit sind und sich ungestörte Zeit dafür nehmen.
Im Alltag wird es nicht immer möglich sein, in diese tiefe Art des Erzählens einzutauchen. Im therapeutischen Kontext sollte diese Form der verbundenen Kommunikation allerdings eher die Regel als die Ausnahme sein – aus meiner Sicht ein wichtiger Teil jeder Traumatherapeuten-Ausbildung. Nur so können Klienten sich wirklich nahkommen und neue Erfahrungen etablieren.

Unterbrechung als Hilfe in der therapeutischen Gesprächsführung

Damit wir Klienten unterstützen können, so in sich einzutauchen, müssen wir uns trauen, sie zu unterbrechen. Sobald sie „ins Erzählen“ kommen, ist es unsere Aufgabe sie zu stoppen. Am Anfang ist das ungewohnt und fühlt sich vielleicht auch unangemessen an. Die Kunst aber ist es, mit der Zeit zu lernen, so zu unterbrechen, dass das Gegenüber sich nicht abgeblockt fühlt. Durch die Unterbrechung wollen wir die Aufmerksamkeit für unsere Klienten nicht beenden, ganz im Gegenteil: Wir wollen sie tiefer zu sich führen.

Das Ziel: Vertikale Kommunikation

Es gibt eine horizontale und eine vertikale Form der Kommunikation.
Bei der horizontalen Kommunikation stelle ich Fragen nach dem

  • Warum
  • Wie
  • den Umständen
  • und vielleicht auch nach Gefühlen etc.

In jedem Fall bleibe ich bei der horizontalen Kommunikation beim „Erzählen über“.

Bei der vertikalen Kommunikation verlangsame ich den Erzählfluss.
Ich ermutige die Klientin zu spüren, was sie sagt, und zu lauschen, welche Resonanz im Körper und der Psyche auf das Gesagte entsteht.
Durch diese Form der Intervention tauchen wir in einen anderen Raum ein – es wird stiller und eine Verbindung stellt sich her. So kann ich meinem Gegenüber helfen, Räume zu betreten und wahrzunehmen, zu denen sie bisher noch keinen Zugang hatten.

Fazit

Auf diese Weise wird die anfängliche Erzählung zu einem Eintrittstor zu sich selbst und es können neue Erfahrungen und Wahrnehmungen bewusst werden, die die Klienten wirklich näher zu sich und ihrem Leben bringt.
All dies ist Teil meiner Online-Basisfortbildung SEI – frühe Verletzungen und Entwicklungstrauma erkennen und heilen, die ich neben weiteren Angeboten rund um die Traumatherapeut-Ausbildung und Weiterbildungen anbiete.

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1 Kommentar

  1. Katharina

    Hallo,
    eine weitere Idee zur Frage, warum Menschen nicht aufhören zu reden:
    Manche Menschen haben möglicherweise das Bedürfnis nach Absolution. Im Sinne von: ich erzähle dir alles und du bestätigst mir, dass das was ich gemacht, gesagt, gedacht und gefühlt habe OK war.

    Als Bestätigung, dass sie nicht „falsch“ sind.

    Viele Menschen fühlen sich „falsch“. Dass Sie doch, wenigstens ein bisschen richtig sind ist dann eine Kopfleistung und die muss immer wieder neu bestätigt werden, weil das Gefühl dazu fehlt.

    Liebe Grüße

    Antworten

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