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Die Bedeutung von Freude in der Therapie

von | 08.01.2024 | 8 Kommentare

„Das schmutzige kleine Geheimnis sowohl der klinischen Psychologie als auch der biologischen Psychiatrie ist, dass sie die Vorstellung einer Heilung vollständig aufgegeben haben.” – Martin Seligman

Menschen kommen in Therapie, um ihr Leiden zu beenden oder zumindest zu verringern. Implizit erwarten sie, dass mit dem Ende des Leidens ihre Lebensfreude steigt. Doch ist das so?

Ich halte es für ein gut gehütetes Geheimnis der Psychotherapie, dass dem sehr häufig nicht so ist. Aus dieser frustrierenden Erkenntnis heraus gründete Martin Seligman die Positive Psychologie. Er stellte fest, dass die Abwesenheit von Leiden nicht unbedingt zu mehr Freude führt.

„Ich glaube, dass die Psychologie sehr gut darin geworden ist, herauszufinden, wie man Krankheiten versteht und behandelt. Aber ich denke, das ist buchstäblich nur halbgar. Wenn man nur daran arbeitet, Probleme zu lösen und Leiden zu lindern, dann arbeitet man per Definition daran, Menschen auf Null, auf Neutral zu bringen.” – Martin Seligman

Gefangen in Problemen

Als Menschen sind wir mit dem sog. “Negativity Bias”-Link ausgestattet, was bedeutet, dass wir eher das Negative wahrnehmen und uns darauf konzentrieren. Dies hat uns beim Überleben geholfen. Das Negative und potenziell bedrohliche zu beachten, ist für das Überleben wichtiger als Schönheit und das Gute und Freundliche zu sehen. Menschen können ein Leben ohne positive Emotionen verbringen, aber sie werden keine Woche überleben, wenn sie ihre Angst nicht zur Kenntnis nehmen. Unsere Emotionen steuern unser Verhalten, auch wenn wir sie gar nicht bewusst wahrnehmen. Wir gehen nicht über die Straße, wenn ein Auto kommt, aus Angst überfahren zu werden, auch wenn diese Angst so unterschwellig ist, dass wir sie nicht spüren.

Leider haben wir als Menschen die Fähigkeit, uns Konflikte, Gefahren etc. auch einfach nur vorzustellen. Es muss gar nichts passieren, damit wir in Stress geraten, es reicht, dass wir es uns vorstellen.

„In meinem Leben habe ich unvorstellbar viele Katastrophen erlitten. Die meisten davon sind nie eingetreten.“ – Mark Twain

Unsere inneren Voreinstellungen neigen also oft zum Negativen. Unsere Aufmerksamkeit wird von negativen Nachrichten mehr angezogen als von positiven.

Heute wird diese evolutionäre psychologische Eigenschaft von uns Menschen leider auch noch von Nachrichten, sozialen Medien etc. ausgebeutet, um unsere Aufmerksamkeit zu erlangen und zu halten.

Wir werden in einem Maße mit negativen Nachrichten befeuert, dass wir dies emotional nicht mehr bewältigen können. Unser Gehirn kann leider keine Unterscheidung machen zwischen dem, was wir hören und sehen, und dem, was uns wirklich betrifft. Jede Nachricht und jeder Gedanke an Konflikte löst Stress in unserem Körper aus.

Treffen diese Nachrichten auch noch auf alte Verletzungen und Traumata, so kumuliert sich der Stress und belastet Körper und Psyche noch weit mehr, als es nur die alten Verletzungen an und für sich tun.

Viele Menschen leben in einem chronischen Stresszustand und merken es kaum oder nicht mehr, wie sehr sie in diesem Dauerstress gefangen sind. Chronischer Stress ist das Gegenteil von Lebensfreude und hält uns in einem Zustand von ständigem Hab Acht.

Wohin geht der Fokus?

In der Therapie geht der Fokus unserer Aufmerksamkeit natürlicherweise ebenfalls zu den Problemen, die unsere Klienten mitbringen. Wir schauen uns ihre Konflikte, alten Verletzungen und Traumata an und versuchen ihnen zu helfen, diese zu bewältigen und zu integrieren.

Leider führt dies manchmal zu einem Gefangensein in einer Endlosschleife von Problemen. Klienten gelangen zu der Überzeugung, dass es nur noch dieses Thema zu bearbeiten gilt, dann wird alles besser!

Was Klienten oft nicht können, ist den Fokus auf etwas Schönes zu verschieben. Sie sind gefangen in allem, was ihr Leben erschwert und dem, was Leiden bereitet (hat).

Das Fatale an der Arbeit mit Problemen ist, dass sie nie aufhören.
Das Leben wird uns immer wieder Probleme bereiten und Schmerzen verursachen.
Es gibt kein Leben ohne Schmerz.
Diese Wahrheit gilt es anzuerkennen und Frieden damit zu finden.
Lebensfreude ist nicht davon abhängig, ein schmerzfreies Leben zu führen.

Menschen wollen also durch Therapie mehr Frieden, Freude, Glück und Erfüllung finden. Dies suchen wir zu erreichen, indem wir die vorhandenen Probleme und Schmerzen auflösen und integrieren. Ist das der richtige Weg?

Ich möchte nicht in Frage stellen, dass wir als Therapeutinnen die Probleme, Schmerzen und Traumata unserer Klienten anschauen und versuchen, diese zu bewältigen. Ich bin auch nach all den Jahren der Meinung, dass man kaum glücklich sein kann, wenn man den eigenen „Keller“ nicht aufgeräumt hat und Raum schafft für neue Erfahrungen und neue Gedanken.

Ich habe jedoch festgestellt, auch bei mir selbst, dass dies nicht zwangsläufig zu Lebensglück führt.

Was sind die Voraussetzungen, um Freude fühlen zu können?

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für mehr Lebensfreude, ist zu lernen, wie man die eigene Aufmerksamkeit bewusst steuert, also wohin man sich innerlich und äußerlich orientiert.
Dies ist leicht gesagt und schwer getan.

Wir kämpfen dabei nicht nur gegen unsere evolutionäre Voreinstellung und gegen unsere inneren Dämonen, die uns ständig Gedanken über die nächste Katastrophe eingeben wollen, sondern auch gegen die Pings in unserem Handy und den ständigen Fluss von Informationen, dem wir mittlerweile ausgesetzt sind.
Aufmerksamkeitssteuerung ist eine wichtige Voraussetzung für Lebensglück. Manche von uns haben dies als Kind gut gelernt und andere kaum. Es ist wichtig, sich dieses Thema in der Therapie anzuschauen, denn wenn unsere Klienten ihre Aufmerksamkeit nicht bewusst steuern können, ist es sehr schwierig, Freude zu fühlen.

Viele unserer Klienten leben ihr Leben sehr reaktiv und kaum proaktiv, das bedeutet dass sie meist nur auf Ereignisse im Außen reagieren und kaum ihr Leben selbst gestalten. Dies hat viel damit zu tun, dass gerade Entwicklungstrauma, also beständige Verletzungen, gegen die ein Kind sich nicht wehren kann, häufig zu dem Phänomen der erlernten Hilflosigkeit führt. Traumata führen auch dazu, dass Menschen kaum in die Zukunft denken und planen können. Bei manchen Betroffenen ist diese Fähigkeit so eingeschränkt, dass sie kaum mehr als die nächsten Stunden planen können.

Je höher das Stressniveau im Körper ist, desto eingeschränkter ist unsere Fähigkeit in die Zukunft zu denken.

Da gerade traumatische Lebensereignisse dazu neigen einen Sog zu entwickeln und die Betroffenen immer wieder in ihren Strudel zu ziehen, ist die Aufmerksamkeitssteurung und bewusste Fähigkeit zur Orientierung umso wichtiger. Ein Weg dazu ist es zu lernen, sich auf Ressourcen oder angenehme Erlebnisse konzentrieren zu können und langsam zu lernen diese im Körper zu spüren. Mit der Zeit ist es dann mehr und mehr möglich sich bewusst auf angenehme Erinnerungen oder Ereignisse im Alltag zu konzentrieren.

Dabei geht es keinesfalls darum, „positives Denken“ zu lernen oder Probleme zu verdrängen und so zu tun, als wäre alles gut. Im Gegenteil, es geht um das bewusste Fühlen von dem, was ist. Und wenn gerade alles ok ist oder sogar etwas Schönes erlebt wurde, dies auch wirklich zu fühlen und bewusst wahrzunehmen. Dies fällt vielen unserer Klienten sehr schwer. Sie berichten oft kurz über etwas Gutes (wenn sie das überhaupt tun), um dann zum nächsten Problem überzugehen. Indem wir mit ihnen Orientierung üben und Aufmerksamkeitssteuerung, können sie üben, auch positive Dinge mehr zu fühlen und zu genießen.

Leider ist ein weiterer Effekt von Trauma, dass es Angst vor positiven Gefühlen hinterlässt.

Warum können Menschen so schwer Freude fühlen?

Gerade Menschen mit frühem Entwicklungstrauma haben oft sehr viel Angst vor Freude und Glück oder können diese Gefühle kaum spüren und in sich halten. Menschen mit sehr frühen Verletzungen sind meist nicht gut verkörpert da sie sich früh vor Schmerz schützen musste.

Da Babys und sehr kleine Kinder kaum weglaufen oder sich wehren können und die Dinge, die ihnen widerfahren, auch nicht kognitiv verstehen und bewerten können, scheinen sie sich zu schützen, indem sie sich zusammenziehen und möglichst wenig ihren Körper wahrnehmen. Dies macht Sinn, wenn alles, das von außen kommt, im Körper als Schmerz wahrgenommen wird. Dieser Schmerz war oft sehr bedrohlich, weil kaum auszuhalten. Ein Baby, das abgelehnt wird oder viel alleine gelassen wird, hat Angst zu sterben. Babys, die Angst haben, werden ganz steif und behalten diese Steifheit, auch wenn sie hochgehoben werden. Man könnte sagen, sie sind vor Angst erstarrt.

Angenehme Gefühle lösen in uns ein Gefühl von Weite und Expansion aus. Sie machen uns weicher, verletzlicher und berührbarer, wir atmen tiefer und fühlen uns mehr.

Genau diese Expansion macht Menschen mit frühen Traumata und Verletzungen oft extreme Angst. Diese Angst führt dazu, dass angenehme Gefühle vermieden werden. Nicht bewusst, aber oft sehr stark. Dazu kommt die beständige Angst, eine Gefahr zu übersehen oder wieder verletzt zu werden.

Für Menschen mit Traumata ist es also nicht selbstverständlich, angenehme Gefühle zu fühlen. Oftmals sind die positiven Affekte nur sehr flach. Manchmal ist dies den Betroffenen gar nicht selbst bewusst, da sie es nicht anders kennen. Von außen ist dies sehr viel besser sichtbar.

Wir alle können von unseren Freundinnen und Freunden sagen, wie viel Kapazität für Freude und Glück diese haben. Wir wissen, wie sehr sie diese ausdrücken und leben können. Das gleiche gilt für uns selbst, auch für uns kann es gut sein uns ein Feedback von Freundinnen und Freunden geben zu lassen. Wie viel Freude und Lebendigkeit lebst du als Teil deines Lebens? Wie viel Freude und Lebendigkeit kannst du ausdrücken und über längere Zeit in dir halten?

Die Glücksforschung sagt, dass wir alle eine Baseline von Glücksempfinden haben. 50% davon sollen genetisch voreingestellt sein, die anderen 50 % liegen an unserer Geschichte und unseren eigenen Bemühungen.

Freude und Glück kann man also lernen!

Ist Freude eine Reaktion oder eine Aktion?

Die meisten Menschen sehen Freude, Glück etc. als eine Reaktion auf ein Ereignis im Außen. Wir alle können aber lernen, Freude in uns zu erzeugen. Es ist ein körperlicher Zustand. Angenehme Gefühle sind körperliche Zustände, die wir lernen können.

Psychotherapie ist für unsere Klienten ein guter Ort, um Expansion in einem sicheren und stressfreien Setting zu lernen. Wir können mit Gefühlen experimentieren: Wie ist es z.B. für die Klientin, ein Gefühl einfach zu spielen? Was macht es mit der Klientin?

Positive Affekte sind erstaunlich oft mit Scham überlagert. Überhaupt bringen positive Affekte sehr schnell den inneren Schmerz zum Vorschein. Ein weiteres Problem ist, dass viele Betroffene das Gefühl haben, sich selbst zu verraten, wenn sie Freude und Glück erleben. Als wäre der Schmerz, der Schrecken oder das Grauen, das sie erlebt haben, dann nicht mehr wahr.
Oftmals fehlt das UND in der inneren Wahrnehmung, und alles ist entweder…oder und schwarz oder weiß.

Es ist nicht einfach zu lernen, dass es Schmerz gibt und gab, UND Freude und Glück. Und selbstverständlich ist es sehr schwer zu verstehen, dass man sich nicht vor erneuten Schmerz schützen kann, in dem man keine Freude erlebt, nicht liebt oder glücklich ist. Der Schmerz wird leider genauso weh tun, auch wenn man sich ein ganzes Leben keine Freude gegönnt hat.

Unsere Aufgabe als Therapeuten ist es, den Schmerz anzuerkennen, alte Verletzungen zu bearbeiten und gleichzeitig neue Erfahrungen zu ermöglichen. Ebenso positive und angenehme Erfahrungen bewusster zu machen und mit unseren Klienten zu üben, angenehme Gefühle im Körper zu spüren.

Damit dies möglich ist, müssen Klienten ihren Körper wieder bewohnen und spüren lernen. Der Körper ist der Resonanzraum für Gefühle. Ein Resonanzraum, der sich durch den erlebten Schmerz oft verschlossen hat.

Ein weiteres Hindernis Freude zu fühlen kann die adrenale Erschöpfung und ein zuviel von Cortisol und anderen Stresshormonen im Körper sein. Ist unser Körper sehr erschöpft von dem chronifizierten Stress, dann ist es fast unmöglich für uns Lebensfreude zu empfinden.

Dies alles zu verändern braucht Zeit, ist es aber wert.

Bitte vergiss auch nie, dass es sehr schwer ist, Freude alleine zu fühlen und zu halten. Unsere Klienten brauchen uns als Gegenüber, als jemanden der oder die sich mit ihnen freut. Die sie ermuntert sich zu zeigen und zu expandieren und zu sehen, dass wir das auch können und tun.

Geteilte Freude ist doppelte Freude, dies gilt auch in der Therapie.

Freude ist nicht bedingt durch die Abwesenheit von Leiden! Wir müssen Freude lernen und üben, wenn wir sie nie gelernt haben oder vergessen haben, wie sie sich anfühlt.

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8 Kommentare

  1. Danke, das klärt so viel, nicht nur aufarbeiten ist Arbeit und aktiv, sondern auch sich selber regulieren und sich ansehen, wie ist es jetzt. Die kleinen und auch die großen angenehmen Momente erst mal wahrzunehmen und zu geniessen.

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  2. Dami – das ist so ein toller und wichtiger Beitrag! Danke 🙂

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  3. Liebe Dami,

    danke für diesen Beitrag. Er spricht mir aus dem Herzen.
    Ich entscheide selbst, auf was ich mich konzentriere – auf den Mangel oder auf die Fülle – und das kann ich üben! Nur leider bringt uns das selten jemand bei. Und das Konzentrieren auf die Probleme und die „negativen“ Gefühle bringt oft nur vermeintlich Besserung und Erleichterung. Wir lernen trotzdem nicht den Fokus zu verändern. Oft tauchen wir nur tiefer und tiefer in die noch tieferen Tiefen unserer Vergangenheit ein, ohne uns je besser zu fühlen.
    Ich erkenne den Schmerz an, aber ich verliere mich nicht mehr darin. Nehme die schönen Momente bewusst wahr. Und wenn sie noch so klein zu sein scheinen. Für mich ist Glück letztendlich eine Entscheidung. Die Entscheidung mich auf die Fülle und nicht länger auf den Mangel zu konzentrieren. Das geht leichter, wenn ich alle Gefühle zuzulassen und wahrzunehmen lerne… und sie nicht länger bewerte. Damit werde ich handlungsfähig und selbstwirksam. Und das Leben wird lebenswert und liebenswert.

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  4. Liebe Dami, nach so vielen Jahren, die Du mich quasi begleitest, muss ich mich auch mal bei Dir bedanken. Dies mache ich hiermit gleich 100fach!
    Auch mit diesem tollen Bericht, legst Du mir wieder einmal genau die richtigen Worte in den Mund, er stimmt mich positiv welche Richtung ich weiter gehen kann / möchte!
    Bleib weiter so liebevoll, offen und ehrlich…:)

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    • Vielen Dank, das freut mich!

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  5. Vielen herzlichen Dank für diesen Beitrag „Freude mit-lernen“.

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  6. So durch deine Worte im Herzen berührt zu sein, lässt mir ein Tränchen kullern. Vor Freude. Bin sehrsehrsehr froh, dich entdeckt zu haben. Ich hoffe, dass du uns allen noch lange deine Erkenntnisse, dein Mitgefühl und dein Tacheles schenkst.

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    • Danke!

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