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Der Schmerz unserer Klienten braucht ein Zuhause

von | 01.08.2022 | 4 Kommentare

Verletzungen verursachen Schmerz. Bei Traumata ist es zunächst ein heller Schmerz, wie ein physischer Schnitt. Früher als Kinder konnten wir uns diesem tiefen Schmerz jedoch nicht zuwenden. Er sank in unsere Psyche und wurde dort abgekapselt. Er manifestierte sich in Muskelspannungen, die man später im Leben als Haltungsmuster erkennen kann. Er erzeugte Überlebensmuster, mit denen man auf die Welt reagiert und aus denen heraus man die Welt und Beziehungen interpretiert.

Oftmals ist der Schmerz für ein Kind viel zu groß, als dass es damit leben könnte. Der Schmerz wird abgespalten und beginnt mit der Zeit, ein Eigenleben zu führen. Er bestimmt unser Leben in Form von Mustern, ohne dass uns dies zunächst bewusst ist.

Aus chronifiziertem Schmerz wird Leiden

Irgendwann, wenn wir erwachsen sind, beginnt dann das Leiden. Denn Schmerz, um den wir uns nicht kümmern, wird früher oder später zu Leiden. Der Schmerz chronifiziert und wird unter der Bewusstseinsoberfläche größer. Irgendwann erscheinen dann die ersten Symptome.

Die meisten Menschen ignorieren diese ersten Symptome und versuchen, ihr Leben einfach weiterzuleben. Bei manchen Menschen klappt dies, ihr Leben geht weiter und funktioniert. Hier und da vermissen sie vielleicht etwas, aber „es geht schon“.

Klient*innen suchen Erlösung

Bei anderen wird das Leiden so groß und die Symptome werden so stark, dass sie sich Hilfe suchen. Sie kommen dann zu uns und wünschen sich, dass wir sie von ihrem Leiden befreien. Die meisten Menschen suchen keine Lösungen. Wenn sie ehrlich sind, suchen sie Erlösung – die Befreiung vom Leiden.

In der Psychotherapie kommt das Leiden dann häufig immer mehr zum Vorschein.

Und nun ist die Frage: Halten wir es aus, empathisch mit unseren Klient*innen zu sein, ohne sie gleich vom Schmerz erlösen zu wollen?

Leidet ein Mensch vor unseren Augen, so springt unsere Empathie an und wir fühlen das Leiden und den Schmerz mit. Je mehr wir selbst noch unintegrierte Themen haben, desto mehr fühlen wir den Schmerz.

Ein Denkfehler im Umgang mit Traumata

Immer wieder erlebe ich in Fortbildungen, dass Therapeut*innen ihre Klienten in einer solchen Situation aus dem Schmerz in eine Ressource führen möchten oder trösten wollen. Letztlich verlängert eine solche Intervention aber den Schmerz. Wir müssen lernen, die Spannung auszuhalten, die durch das Bezeugen des Schmerzes entsteht.

Inzwischen gibt es meiner Erfahrung nach einen Denkfehler im Umgang mit Traumata. In der Bearbeitung von Traumata gilt es (in den meisten Verfahren), das Trauma nicht wieder erleben zu lassen, weil wir inzwischen wissen, dass Emotionen im Zusammenhang mit Traumata schnell überwältigend sind. Dies führt mittlerweile allerdings dazu, dass wir Klient*innen kaum noch den Raum geben, ihren Schmerz zu fühlen.

Es ist wichtig, bei unserer Arbeit zwischen Schocktraumata und Entwicklungstrauma zu unterscheiden.
Bei Schocktrauma ist es richtig, Menschen das Erlebte nicht noch einmal wieder erleben zu lassen. Es ist nicht sinnvoll für unsere Klient*innen, das Grauen noch einmal zu erzählen und es damit wieder in sich lebendig werden zu lassen. Haben wir als Therapeut*innen die Begleitung von Schocktraumata nicht explizit gelernt, so führt dies meist in Überwältigung und Retraumatisierung und ist keinesfalls heilsam.
Für Entwicklungstrauma gilt dies nicht. Hier ist es oft wichtig, dass Menschen ihren Schmerz noch einmal fühlen dürfen und sie weinen und trauern können.
Dafür ist es oftmals notwendig, dem Impuls zu widerstehen, zu trösten oder Ressourcen einzubringen oder vom Schmerz abzulenken. Trösten führt meist dazu, dass Menschen aufhören zu weinen, weil sie das Gefühl haben, dass sie zu viel sind.

Schützt deine Intervention dich selbst?

Dies erfordert eine gute Selbstregulation und ein klares Bewusstsein von Grenzen. Der Schmerz, den ich als Therapeutin fühle, ist nicht mein Schmerz. Ich nehme ihn nur durch Resonanz und somatische Übertragung wahr.
Die Resonanz kann allerdings auch die eigenen alten Themen und Schmerzen ans Licht bringen, wenn diese noch nicht bearbeitet, betrauert und integriert sind. Wir müssen dann aufpassen, dass wir mit unseren Interventionen nicht im Grunde uns selbst schützen und regulieren wollen, weil wir unsere eigenen Gefühle nicht aushalten.

Der Schmerz, der durch frühe Verletzungen entstanden ist und so lange abgespalten war, braucht Zeit und Raum, um „nach Hause“ kommen zu können. Er braucht Raum, bezeugt zu werden, sodass die abgespaltenen Erlebnisse wieder bewusstseinszugänglich werden und letztlich Trauer und Mitgefühl entstehen können.

Klient*innen mit ihrem Schmerz aushalten können

Unsere Aufgabe ist es, dabei zu sein, den Raum zu halten und unseren Klient*innen zu versichern, dass wir da sind. Dass sie diesmal nicht alleine sind und dass wir sie mit ihrem Schmerz aushalten. Es ist wichtig, dass sie eine neue Erfahrung machen, sich gehalten und beschützt fühlen. Sonst sind die Erinnerung und der Schmerz nur eine Wiederholung der alten Erfahrung und nicht heilsam.

Klient*innen versichern sich immer und schätzen während der Therapie ab, wie belastbar wir sind. Sie wählen aus, was sie uns zumuten und schonen uns unter Umständen, so wie sie schon früher ihre Bezugspersonen geschont und vor ihrem Leid beschützt haben.

Diese Wiederholung sollte in der therapeutischen Beziehung nicht passieren.

Vom Leiden zu Bewußtsein und Mitgefühl

Es ist wichtig und oft notwendig, die aufkommenden Emotionen so zu co-regulieren, dass keine Überflutung stattfindet. Dies kann durch verschiedene Interventionen geschehen, die jedoch den Prozess der Klient*in nicht unterbrechen, sondern nur Halt und Unterstützung vermitteln.
(Möchtest du mehr über Co-Regulation und Containment lernen, ist meine Online-Fortbildung vielleicht interessant für dich.)

So kann aus Leiden wieder fühlbarer Schmerz werden, der mit der Zeit wieder der Vergangenheit zugeordnet werden kann und langsam heilen darf. Aus Dissoziation wird Bewusstsein und Mitgefühl.

Der Schmerz bekommt ein Zuhause und kann Frieden finden.

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4 Kommentare

  1. Ein sehr berührendes, ergreifendes Thema – welches ich als Klient und als Mensch total nachvollziehen kann!! Du hast es so genau getroffen und ich finde mich tatsächlich darin wieder, sowohl in meinen Bedürfnissen Schmerz da sein lassen zu dürfen/können, als auch abzuwägen wieviel kann ich zumuten… Wahnsinn und auf eine beruhigende Art auch vertraut mich darin so wiederzufinden. Es ist schön zu wissen dass es diese Möglichkeit und Methode überhaupt gibt, nach der man innerlich regelrecht schreit. Und mir ist schon immer bewusst gewesen dass es dafür einen BESONDEREN Rahmen und „besondere“ Menschen braucht. Eine besondere Haltung, mit Herz und Verstand! Ich darf sagen, dass ich noch eine Weile brauchen werde um durch mein Tal zu gehen… aber es tut unheimlich gut zu wissen dass es eine Reise ist die ein schönes „Ende“ haben wird sage ich mal jetzt einfach. Ein – Ich habe es endlich geschafft, aus Leiden, einen handlebaren Schmerz zu machen, mit dem ich umgehen kann. Weil ich lerne ihn nicht wegzudrücken, ihn zu betrachten, zu fühlen und ernst zu nehmen. Ich gebe mir selbst den „richtigen“ Raum um zu heilen – das ist für mich das allerwichtigste dabei. Egal was andere sagen, denken oder in Frage stellen daran. Ich spüre in allertiefsten Ebenen dass es MEIN WEG ist um heil zu werden.
    Ausserdem habe ich eine sehr große Hürde (oder einfach Schmerz) erkannt… dass es mir zu schwer fällt und ich eine scheiß Angst habe Liebe zuzulassen (aktiv und passiv) und auch wenn mich das in unglaublich viel Scham stürzt, stehe ich an der Schwelle dies meiner Therapeutin gegenüber mitzuteilen. Ich weiß es bedeutet mein Herz zu öffnen, verletzlich zu sein, Verlustangst zu spüren… und noch einiges an altem Schmerz der zu leiden geworden ist und sich in Mustern und Selbstbildern ausdrückt!
    Zu fühlen, geliebt zu werden (von Mensch zu Mensch) gibt ganz tief in der Seele ein Gefühl der Hoffnung und des Vertrauens. Ein, ich darf landen, genauso wie ich bin. Ohne jede Erwartung und Bewertung. DAS heilt meine Seele zutiefst.

    Danke dass Ihr Euch so einsetzt!!!!!!!!!!!!!!! Und aus dem unsicheren Fragezeichen welches man lebenslang in sich trägt, ein neugieriges, gemeinsames Hinterfragen entsteht. Ein gehalten sein, mutig werden, über sich selbst Hinauswachsen und stolz darauf sein. Das ist wunderschön und für mich berührend dies so in Dankbarkeit ausdrücken zu dürfen/können.
    Ich habe nun ca. 35-40Jahre mit Traumatisierung und dessen Folgen gelebt bis ich auf diesen Weg gestoßen bin. Ich kann nur sagen…

    Von Herzen, WEITER SO !!!!!!!!!!!!!

    Liebe Grüße,

    Anita

    Antworten
    • Vielen lieben Dank Anita!

      Antworten
  2. Liebe Dami,
    Danke für den wunderbaren Artikel. Ich arbeite selbst als Therapeut und denke ich weiß, was Du meinst. Ich bin da voll bei Dir.
    Und beim Wort „TRÖSTEN“ gibt es unterschiedliche Intentionen und Formen. Wenn es eine Art Trösten ist, die aus dem Impuls heraus kommt den Schmerz schnell verschwinden zu lassen, dann kann das den Trauerprozess blockieren. Aber ich selbst verstehe unter Trösten einfach sowas sie Raum halten, Da-Sein, Berührung & Unterstützung beim Trauern anbieten … und diese Art Trost fördert meiner Erfahrung nach den Release von Emotionen sogar. Ich denk wir sprechen hier von den selben Dingen und es sind die Worte die vielleicht unterschiedlich verwendet werden.
    Danke für deine Arbeit – ich lese immer wieder deine Artikel und schau deine Videos. Ist eine schöne Inspiration für meine Arbeit.
    Alles Liebe,
    Manuel

    Antworten
    • Lieber Manuel, ja das ist eine schöne und hilfreiche Art des Tröstens. Danke für die Ergänzung. Herzliche Grüße, Dami

      Antworten

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