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Sexualität und Trauma – ein schwieriges Thema

von | 01.09.2022 | 8 Kommentare

Sexualität ist für viele Menschen ein schwieriges Thema. Wir alle haben meist nur wenig Sprache dafür und verfangen uns alleine schon in den Formulierungen. Darüber zu sprechen, ist für unsere Klient*innen noch schwieriger, da sie sich dort oft als fehlerhaft, falsch und frustriert erleben. Bilder, Vorstellungen und Mythen erschweren den offenen Umgang mit Sexualität zusätzlich.

Der Frust unserer Klient*innen mit ihrer Sexualität

Sexualität ist besonders für viele von Trauma Betroffene ein großes und frustrierendes Thema. Traumata beeinflussen den Umgang mit der eigenen Sexualität, den damit verbundenen Bedürfnissen, Gefühlen und Erregungszuständen meist beträchtlich. Handelt es sich dann noch um Traumata durch sexualisierte Gewalt, sind die Folgen für das Erleben von Sexualität manchmal so groß, dass es kaum noch einen entspannten Zugang dazu gibt.

Das Sprechen über Sexualität ist sehr intim. Manchmal ist es uns als Therapeut*innen sogar zu intim. Dann haben wir Stress, mit unseren Klient*innen offen darüber zu reden oder sie direkt darauf anzusprechen. Nicht umsonst gibt es Sexual- und Paartherapeut*innen, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben.

Für Klient*innen kann es allerdings sehr frustrierend sein, mit Sexualtherapeut*innen zu arbeiten, wenn diese kein tieferes Wissen über Trauma und die Folgen haben. Denn das Erleben von Sexualität hängt eng damit zusammen, wie wir uns selbst erleben und fühlen. Traumata haben schwerwiegende Auswirkungen auf dieses Selbsterleben.

Sexualität im Sinne von Mechanik oder dem „Howto“ ist eher das kleinste Problem, das unsere Klient*innen haben. Meist geht es um tiefergehende Themen, die bei der Bearbeitung zunächst scheinbar nichts mit Sexualität zu tun haben.

Die Voraussetzungen für eine erfüllende Sexualität

Eine erfüllte Sexualität braucht Voraussetzungen, die zunächst unabhängig von Sexualität zu sein scheinen. Menschen brauchen:

  • Ein Gefühl, in ihrem Körper zu Hause zu sein
  • Vertrauen in andere Menschen und die Möglichkeit, die Kontrolle abgeben zu können
  • Sich sicher zu fühlen
  • Sich selbst zu akzeptieren und mit ihrem Körper weitgehend okay zu sein
  • Hohe Erregungszustände halten, regulieren und genießen zu können
  • Intimität und Nähe gelernt zu haben und zulassen zu können
  • Ihre Gefühle und Bedürfnisse kommunizieren zu können

In unserer Gesellschaft wird Sexualität leider häufig als etwas betrachtet, das im Schlafzimmer immer mal wieder passieren soll, dann erotisch, wild und leidenschaftlich ist und mit einem Orgasmus endet.

Sexualität wird selten als Ausdruck der gelebten Beziehung und Selbstbeziehung betrachtet, die außerhalb des Schlafzimmers beständig stattfindet. Sexualität macht letztlich nur sichtbar, welche Probleme mit sich selbst und in der Partnerschaft bestehen. Sie ist nicht etwas vom Alltag und täglichen Beziehungsleben Abgetrenntes, sondern eher ein Ausdruck dessen.

Die Nuancen sind wichtig

Meiner Erfahrung nach ist es für viele Menschen schon schwierig, den Unterschied zwischen Nähe, Intimität und Sexualität zu beschreiben. Ebenso zwischen Sinnlichkeit, Erotik und Lust. Bei vielen Menschen gehört jeder der Begriffe in die Kategorie = Sexualität. Insofern ist es wichtig und bedeutend, diese Begriffe zu klären und für das eigene Erleben begreifbar zu machen.
Gerade der Umgang mit Intimität ist ausschlaggebend für eine erfüllte Sexualität, ebenso wie für erfüllende freundschaftliche Beziehungen.

Menschen können sehr nahe und intime Begegnungen haben, ohne dass diese in irgendeiner Weise etwas mit Sexualität zu tun haben. Sexualität kann dagegen ohne jede Intimität stattfinden und dadurch sehr unterschiedlich empfunden werden.
Etwas kann sich sehr sinnlich anfühlen, ohne einen Hauch von Erotik darin. Erotik dagegen wird in unserer Gesellschaft oftmals vollkommen ohne jede Sinnlichkeit gezeigt.

Die meisten unserer Klient*innen haben bereits Probleme mit Nähe, bei der es überhaupt nicht um Erotik oder Sexualität geht. Sich sinnlich zu fühlen, ist vielen Betroffene ein Grauen, da sie es sofort mit Übergriffigkeit oder dem Gefühl, sich selbst „anzubieten“, assoziieren.

Trauma und Begehren

Das Thema Begehren ist gerade für die von sexualisierter Gewalt Betroffenen besonders heikel. Begehren wird oft direkt mit übergriffigem Verhalten gleichgesetzt. Das führt dazu, dass viele Betroffene kaum begehren können oder das Gefühl aus lauter Angst, selbst zum Täter, zur Täterin zu werden, komplett unterdrücken.

Leider ist es so, dass damit oft auch das Begehren der Partner*in ebenso als übergriffig empfunden wird. Sobald Lust und Begehren auf die Betroffenen gerichtet wird, wird dies als unangenehm gefühlt und oft mit alten Emotionen und Erinnerungen verbunden, die eine sexuelle Begegnung unmöglich oder zumindest sehr schwierig machen.

Begehren, Lust und Sexualität brauchen hohe Erregungszustände im Körper. Diese hohen Erregungszustände können als sehr angenehm empfunden werden. Für viele traumatisierte Menschen ist das allerdings nicht der Fall, da sie eine hohe Erregung im Körper mit traumatischen Ereignissen (die ja ebenfalls hohe Erregungszustände sind) assoziieren. Sie erstarren oder dissoziieren dann oder sie wehren die Erregung ab und können so keinen Zugang zu ihrer Lust finden.

Sexualität braucht innere Sicherheit

Sexualität und Lust sind starke Gefühle, die (auch) einen instinkthaften Ausdruck haben und diesen auch brauchen, um wirklich gelebt werden zu können. Haben Menschen Angst vor der Stärke von Lust und Begehren und müssen diese kontrollieren, so erleben sie meist keine entspannte und schöne Sexualität.

Trauma ist der Verlust von Kontrolle und das Erleben von überwältigenden Energien und Emotionen. Dies führt dazu, dass Betroffene oft versuchen, ihr Leben und auch Kontakte zu kontrollieren. Sie wollen alles dafür tun, damit sie nicht mehr verletzt werden und nichts „Schlimmes“ mehr passieren kann.

Leider führt das Bedürfnis nach Kontrolle zu Stress und einer erhöhten Vulnerabilität gegenüber neuen Traumata. Das Leben lässt sich einfach nicht kontrollieren und Verletzungen und negative Lebensereignisse gehören zum Leben dazu. Sehen Betroffene jedes negative Lebensereignis für sich als Kontrollverlust und jede Verletzung als Katastrophe und gefühlte Wiederholung von Kindheitserleben, dann sind sie innerlich gefangen in einer beständigen Wiederholung gefühlten Kontrollverlustes.

Sind Menschen von sich selbst abgeschnitten, so wird Sexualität oftmals auf Funktion und den „Akt“ reduziert und ist keine intime Begegnung mehr, in welcher die Beziehung gefestigt und vertieft wird. Eine Begegnung bei der es um Hingabe und Zuwendung, Vertrauen, Offenheit und Selbstausdruck geht. Sexualität zu leben, ohne den eigenen Körper wirklich fühlen zu wollen und ohne Kontrolle zeitweise abzugeben, ist ein sehr schwieriges und meist frustrierendes Unterfangen.

Hingabe ist nicht Selbstaufgabe

Viele Menschen, besonders Frauen, vermeiden jede Hingabe, weil sie Hingabe mit Selbstaufgabe und völligen Kontrollverlust gleichsetzen. Hingabe ist aber ein Zustand des Vertrauens in sich selbst und in den/die Partner*in. Meiner Meinung nach kann man sich nur hingeben, wenn man weiß, dass man zur Not Nein sagen und die Situation beenden kann.

Gleichzeitig brauchen gerade Frauen das Gefühl und das Vertrauen, dass ihr Partner/ihre Partnerin in diesen verletzlichen Momenten den Raum hält und beschützt. Es ist kaum möglich, sich hinzugeben und gleichzeitig sich selbst zu halten und den Raum zu kontrollieren.

In diesem Sinne erfordert das Leben von Sexualität eine Art Paradox, da man die Kontrolle aufgeben muss, ohne sich auszuliefern, um sich dabei sicher und gut zu fühlen

Das Thema Sicherheit hat demnach eine hohe Priorität für eine erfüllende Sexualität. Stephen Porges hat für das Verständnis von Sicherheit einen großen Beitrag geleistet und auch die Sichtweise auf Sexualität verändert (Die Bedeutung von Sicherheit und die Polyvagal-Theorie).

Die erlebte und gefühlte Sicherheit ist ein wichtiges Thema in jeder Therapie. In der Therapie mit traumatisierten Klient*innen ist es DAS Thema, das oftmals hinter jedem anderen Thema liegt.

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Eine verbundene Sexualität ist nur mit Körper möglich

Da viele Menschen inzwischen ihren Körper dissoziiert haben und diesen eher als ein Objekt wahrnehmen, das funktionieren und gut aussehen soll, haben immer mehr Menschen Stress mit ihrer Sexualität. Dies ist für Menschen mit Traumata noch zutreffender, weshalb der Körper unbedingt in die Therapie einbezogen werden sollte.

Sexualität ist ein körperlicher Ausdruck. Deshalb ist Sexualität mit einem dissoziierten Körper kaum in einem assoziierten Zustand möglich. Vielen Menschen ist gar nicht klar, dass sie – während sie mit jemandem schlafen – dissoziiert sind, weil sie es gar nicht anders kennen.

Ein weiteres Problem ist das negative Selbst- und Körperbild, das die meisten Betroffenen haben. Dieses gilt es während der Therapie immer wieder zu adressieren und auch hier den Körper einzubeziehen. Abneigung ist ein körperliches Gefühl und drückt sich körperlich aus. Erst, wenn Menschen wieder Zugang zu diesen Empfindungen bekommen, können sie sich verändern.

„Die Therapie macht alles schlimmer!“

So kann es passieren, dass erst während des therapeutischen Prozesses Stress mit der eigenen Sexualität entsteht. Wenn Klient*innen sich plötzlich mehr fühlen, kommen auch alle Verletzungen und Probleme mehr zum Vorschein. Subjektiv haben dann manche Klient*innen das Gefühl, dass die Therapie „alles schlimmer macht“.

Das ist eine schwierige Phase. Hier ist es dann wichtig, Dinge genau zu benennen und zu beschreiben, um herauszufinden, ob vorher wirklich „alles besser“ war und um was genau es gerade geht. Dafür müssen wir uns als Therapeut*innen trauen, genaue Fragen zu stellen und uns genau beschreiben zu lassen, worum es geht.

Gerade beim Thema Sexualität neigen wir alle dazu, recht schwammig zu werden, und sind es nicht gewohnt, uns genau auszudrücken. Sagt eine Klientin z.B. Sexualität sei schwierig für sie, so wissen wir im Grund gar nichts, außer, dass es Probleme gibt. Es gilt dann herauszufinden, was genau wie schwierig ist.

In diesem Prozess des Reflektierens lernen die Klient*innen quasi nebenbei, sich genau auszudrücken und Dinge zu benennen. Dies ist für eine erfüllende Sexualität ein wichtiger Faktor, da viele Paare Schwierigkeiten haben, genau zu benennen, was sie wollen und wie sie es wollen. Die Idee „wenn er mich liebt (wenn sie mich liebt), dann weiß er (sie), was gut für mich ist“ ist leider immer noch sehr verbreitet. Vielen ist nicht klar, dass sie im Grunde selbst gar nicht wissen, was gut für sie ist, aber vom Partner oder der Partnerin erwarten, dass sie es wissen.

Auf der anderen Seite beschreiben Klient*innen aber auch, dass sich ihr Gefühl zu sich selbst und in der Partnerschaft verändert und sie „plötzlich“ mehr fühlen und wahrnehmen und sich trauen, Bedürfnisse zu formulieren. Dies kann leider auch zu viel Stress und dem Ende von Beziehungen führen – oder aber zu einer schöneren und intimeren Partnerschaft.

Verantwortung für das eigene Leben übernehmen

Als begleitende Therapeut*innen können wir genau hinschauen und unseren Klient*innen helfen, sich und ihre Beziehung zu reflektieren. Wir können sie dabei unterstützen, Verantwortung zu übernehmen, sie aber auch spiegeln und uns äußern, wenn sie sich in Kritik und Anschuldigungen verlieren und ihren eigenen Anteil nicht mehr im Blick haben.
Ebenso ist es wichtig, ein „Verantwortungs-Pingpong“ offenzulegen, in dem Sinne: Wenn er oder sie endlich verstehen würde oder machen würde oder ändern würde, dann …

Es ist oft ein schwieriger Weg – wie wir alle selbst wissen – wirklich die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und eigene Entscheidungen zu treffen, ohne sich zu wünschen, dass andere das übernehmen und für uns richten. Dies gilt auch für das Thema Sexualität. Doch der Weg kann auch spannend und bereichernd sein. Und wenn es uns gelingt, unseren Klient*innen dieses Gefühl zu vermitteln, ist vieles möglich.

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8 Kommentare

  1. Hallo Dami,

    einmal mehr wieder super und treffend Beschrieben. Für mich ist sehr viel Ruhe in
    deinem Beitrag!
    Vielen lieben Dank für das Teilen!

    Herzliche Grüße
    Inka

    Antworten
  2. Sehr gehaltvoll, dieser Artikel!!

    Antworten
    • Danke dir!

      Antworten
  3. Liebe Dami
    Wieder ein wertvoller Beitrag und eine sehr umfängliche Betrachtung von dir. Es ist so wichtig, dass wir das Thema Sexualität (ein Bereich, indem wir alle hochsensibel sind) mit einbeziehen und mehr Bewusstheit für die Zusammenhänge schaffen. Mir kommt es auch immer so vor, als würde die Sexualität nochmal einen besonders starken Zoom auf alle anderen inneren und zwischenmenschlichen Prozesse legen und tiefer verborgene Themen und Traumata/ Abspaltungen hervorholen. Wenn wir Sexualität ganzheitlich betrachten… dann kann viel Bewusstheit entstehen und daraus ein fruchtbarer Boden für Heilung entstehen… 💕 Danke für dein Öffnen des Themas!

    Antworten
    • Vielen Dank liebe Andrea!

      Antworten
  4. Hallo Dami,

    auch ich bedanke mich für diesen wertvollen und tiefgründigen Beitrag. Ein sehr „heikles“ und intimes Thema, über das man öffentlich ungern spricht.

    Obgleich es, wie du ja schön beschreibst, es so elementar wichtig ist, Körper und Intimität wieder zusammenzuführen, da wir in einer Zeit des reinen „Körperkultes“ leben – viele aber abgeschnitten sind von ihrem Körper/Gefühlen. Auch für mich ein jahrelanger Entwicklungsweg, auf dem ich mich immer noch befinde.

    Vielen Dank für deinen Mut und deine wertvolle Arbeit allgemein.

    Herzliche Grüße,
    Oliver

    P.S. Nur, dass du jetzt auch die „Gendersprache“ in deinen Texten verwendest, stört mich immens beim Lesen, allen voran als jemand, der selbst mit Sprache umgeht und sie liebt.

    Aber das ist gerade so ein „Trend“ und auch Diskussionsthema und da darf jeder selbst entscheiden, wie er damit umgeht, denke ich.

    Antworten
  5. Liebe Dami
    Mich hat dein Beitrag unterstützt, meine Klienten* genauer zu Fragen, wenn sie sagen das Thema Sexualität wäre schwierig für sie.
    Es waren auch noch viele Aha Erlebnisse beim lesen dabei. Vielen Dank

    Antworten
  6. Hallo Frau Charf,

    danke für diesen tollen Artikel.

    Er hat mir ganz neue Einblicke und AHA-Erlebnisse beim Lesen in Sachen Sexualität, Trauma und Verkörperung gegeben.

    Für meine Klienten wie für mich selbst wird dieses neue Verständnis sicher eine Bereicherung sein.

    Herzliche Grüße, Oliver

    Antworten

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