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State-Dependent Memory – unser Zustand bestimmt die Erinnerung

von | 22.07.2021 | 2 Kommentare

Erinnerungen sind nicht immer gleich. Unser Gedächtnis ist nicht statisch, sondern verändert sich beständig. Eine besondere Form ist das State-Dependent Memory (die zustandsabhängige Erinnerung), das uns in unserer psychotherapeutischen Arbeit unterstützen oder unsere Arbeit torpedieren kann.

State-Dependent Memory bedeutet, dass sich Erinnerungen durch den Zustand (State), in dem wir uns befinden, verändern. Je nachdem, wie viel Energie wir haben oder welche Emotionen dominant sind, haben wir Zugriff auf unterschiedliche Erinnerungen und Assoziationen zu gegenwärtigen Reizen. Wir haben also nicht immer Zugriff auf die gleichen Erinnerungen in jedem Augenblick unseres Lebens.

Erinnerungen sind nach Erregung geordnet

Erinnerungen sind in Schubladen mit Kontext gespeichert. Ein Aspekt des Kontextes ist der Grad von Erregung und Energie, die mit dem Ereignis einhergehen. Das scheint zunächst keine große Bedeutung zu haben, ist jedoch für die Arbeit mit Klient*innen sehr wichtig.

Da Erinnerungen auch durch die Stärke von Erregung geordnet werden, brauchen wir einen ähnlichen Zustand, um Zugang zu bestimmten Erinnerungen zu bekommen. Genauso kann es aber auch sein, dass unangenehme Gefühle ausgelöst werden, wenn ein Geschehen heute eine ähnliche Erregungs-Intensität wie eine unangenehme oder traumatische Erinnerung hat.

Unser Zustand beeinflusst unsere Vorstellungskraft

Stell dir vor, deine Klientin kommt zur Therapiestunde und ist sehr entspannt und etwas müde. Sie sagt dir, wie sehr sie es genießt, bei dir zur Ruhe zu kommen. Und sie möchte mit dir an bestimmten Problemen arbeiten, die sie gerade im Alltag hat. Dafür willst du, dass sie sich an Momente in ihrem Leben erinnert, in denen sie sehr handlungsfähig war und ähnliche Probleme gut bewältigen konnte.
Nun kann es sein, dass es ihr kaum möglich ist, Beispiele zu finden. Es fällt ihr schwer, einen inneren Zugriff auf diese Erinnerungen gelebter Selbstwirksamkeit zu bekommen. Ihr arbeitet und versucht dieses und jenes und kommt einfach nicht weiter.

Ein anderes Beispiel: Ein Klient kommt unter anderem zu dir, weil er immer unangenehme Gefühle erlebt, wenn er sexuell berührt wird und Erregung verspürt. Er hat den Verdacht, dass ein sexueller Übergriff in seiner Kindheit geschehen sein könnte.

In beiden Fällen wird durch den jeweils aktuellen Energiezustand entweder – wie bei der ersten Klientin – eine Erinnerung nicht mehr zugänglich. Oder es wird – wie im zweiten Fall – ein Erleben im Heute interpretiert, das nicht unbedingt etwas mit einem sexuellen Übergriff zu tun haben muss.

Gerade Sexualität kann durch die hohe Intensität schnell zu Verknüpfungen führen, auch mit traumatischen oder sehr unangenehmen Ereignissen, die nichts mit sexuellem Missbrauch zu tun hatten. Es kann sich zum Beispiel um eine angstbesetzte Untersuchung handeln, eine Beschneidung oder eine beschämende oder schmerzhafte Situation. Damit möchte ich auf keinen Fall Erinnerungen von Klient*innen anzweifeln! Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass es auch andere Grundlagen von unangenehmen Gefühlen geben kann.
Die umgekehrte Situation ist ebenso denkbar. So können traumatische Erinnerungen auch durch ein Geschehen im Hier und Jetzt ausgelöst werden, das im Grunde nichts mit dem Trauma zu tun hat. Durch diese innere Verknüpfung werden dann im Laufe der Zeit jedoch immer mehr Dinge mit dem Trauma verknüpft und assoziiert. Es entstehen immer mehr Assoziationsketten, die in eine Trauma-Erinnerung führen.

Das Erregungsniveau zustandsabhängiger Erinnerungen

Wir erinnern uns also in einem Zustand hoher Erregung eher an Dinge aus unserem Leben, die ebenfalls einen hohen Erregungszustand haben. Im Normalfall erinnern wir uns, wenn wir glücklich sind (was ein hoher Erregungszustand ist) an andere glückliche Dinge, die wir in unserem Leben erlebt haben.

Dies ist für traumatisierte Menschen anders. Traumatische Erinnerungen haben ebenfalls ein hohes Erregungsniveau. Dies führt dazu, dass viele unserer Klient*innen Angst vor Glück haben. Sie wissen aus Erfahrung, dass die Phase von Glück oft in einem tiefen Tief endet.
So führt auch die Arbeit mit Ressourcen oft dazu, dass Menschen in traumatische Erinnerungen rutschen. Vielleicht hast du schon erlebt, dass Klient*innen eine Ressource „nicht halten“ können und direkt wieder in eine traumatische Erinnerung rutschen. Oder dass Klient*innen nach Ressourcenarbeit berichten, wie schlecht es ihnen nach dieser Therapiestunde ging.

Sind wir in einem kollabierten oder gar stark untererregten Zustand, erinnern wir uns dementsprechend oft an andere Zeiten, in welchen wir deprimiert waren oder uns innerlich leer gefühlt haben.
Sind Klient*innen in diesem Zustand, während wir mit ihnen arbeiten, dann ist es praktisch unmöglich, eine positive Zukunft zu visualisieren. Es ist auch schwer, an Dingen zu arbeiten, die zur Voraussetzung haben, dass der innere State mehr Energie hat.

State Dependent Memory in der Psychotherapie nutzen

State-Dependent Memory beeinflusst nicht nur unsere Erinnerungen, sondern damit zusammenhängend auch, was wir uns für unsere Zukunft vorstellen können. Wir sind in unserer Vorstellungskraft an unseren inneren Zustand gebunden. Deshalb ist es ungeheuer wichtig, den inneren State einer Klient*in zu erkennen, damit du mit deinen therapeutischen Interventionen erfolgreich sein kannst.

Traumaklient*innen haben aus genannten Gründen oft Angst vor viel Energie. Sie assoziieren starke Energie schnell mit Überwältigung. Manchmal ist es aber sinnvoll, eine hohe Erregung in unseren Klient*innen zu erzeugen. Mit hoher Erregung können Sie Zugang zu bestimmten Erinnerungen bekommen oder einen Zustand erreichen, in dem andere Dinge vorstellbar werden. Wollen wir z.B. einen Menschen an die eigene Wehrhaftigkeit heranführen und dies nicht nur kognitiv tun, sondern über den Körper wirklich erfahren lassen, so brauchen wir mehr Energie im Körper. Dadurch kann es sein, dass andere und neue Erinnerungen auftauchen und zugänglich werden.
So kann das State-Dependent Memory uns helfen, Zugänge zu impliziten Mustern und verdrängten Gefühlen zu bekommen, die in einem anderen State verborgen und normalerweise unzugänglich sind.

Bindung ist das Sicherheitsnetz

Je höher in der Erregung wir mit Klient*innen gehen, desto sicherer muss die Bindung sein. Sonst besteht die Gefahr, dass sie in einen für sie nicht mehr zu regulierenden Zustand abrutschen. Wir müssen sehr präsent und aufmerksam für den inneren Zustand unserer Klient*in sein. Und wir sollten möglichst in einer ständigen Co-Regulation mit ihnen sein.

Je sicherer diese Bindung ist, desto mehr neue Erinnerungen können aufsteigen. Diese Erinnerungen können dann bearbeitet und letztlich mit einer neuen Erfahrung neu bewertet und integriert werden.

 

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2 Kommentare

  1. Gabriele

    Herzlichen Dank an dieser Stelle für die so hilfreichen Themen und Videos.
    Mich würde der genaue Ansatz ihrer Arbeit sehr interessieren. Da ich schon länger am überlegen bin, ob ich ihre Ausbildung machen möchte.

    Antworten
  2. Marianne

    Der Artikel über State-Dependent-Memory ist sehr interessant. Es ist absolut nachvollziehbar und ich bin erstaunt, dass ich das so zum ersten Mal lese / höre.
    Es ist für mich und meine Arbeit mit Klienten ein bedeutender Hinweis, der einen weiteren hilfreichen Blick auf die titrierte Arbeit mit Ressourcen gibt.
    Sehr spannend und inspirierend!
    Vielen Dank und herzliche Grüsse
    Marianne Gallizzi

    Antworten

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