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Therapeutische Beziehung: Wie stelle ich Kontakt in der Therapie her

von | 26.05.2021 | 0 Kommentare

Kontakt ist die Essenz von Beziehung – auch der therapeutischen Beziehung.
Das Dilemma ist, dass wir viele unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was die Definition und Gestaltung von Kontakt betrifft und was die Definition und Gestaltung von Beziehung angeht.

Gerade als Psychotherapeut*in, aber auch insgesamt beim therapeutischen und pädagogischen Begleiten von Klient*innen, sind die Dimensionen von Kontakt und Beziehung eingerahmt von unzähligen Dogmen. Sie sind zunächst dazu gedacht, eine Verbindung auf einer professionellen Ebene herzustellen und genügend Distanz zwischen den Beteiligten zu wahren.
Im gesamten Prozess hat dieses Verständnis von Kontakt in einer therapeutischen Beziehung enormen Einfluss auf die reale Beziehung zwischen Therapeut*in und Klient*in.

Aber: Was Kontakt bedeutet, sollte dein*e Klient*in entscheiden.

Ich erkläre dir in Kürze, warum:

Wir wissen aus der Forschung sowie aus beruflichen Erfahrungen vieler Kolleg*innen und aus Perspektive von Klient*innen:
Klient*innen, die rein professionelle Distanz in der Therapie erfahren, können dies mitunter als Ablehnung empfinden.
Oder das Gegenteil ist der Fall: Der Wunsch gemocht zu werden tritt stark hervor und mündet in das klassische Beschwichtigungsverhalten. In beiden Fällen vermisst die therapeutische Beziehung ganz schlicht ausgedrückt: die tiefe und sichere Beziehung und die Menschlichkeit. Leider hat sich in vielen psychotherapeutischen Schulen die Idee verfestigt, dass Professionalität Distanz und emotionale Abstinenz bedeutet.

Als Mensch wollen wir jedoch gesehen und gefühlt werden, so wie wir sind.
Dann fühlen wir uns wirklich verstanden – vielleicht sogar zum ersten Mal überhaupt!

Die ideale therapeutische Beziehung: Tritt in Kontakt!

Eine therapeutische Beziehung aufbauen, die nicht distanz- sondern bindungsorientiert ist, heißt, ein bewusstes Verhalten (auch in Bezug auf die eigene Körperhaltung) zu entwickeln. Ein wichtiger Aspekt für das Verhalten von Therapeut*innen, der dann auch den Klient*innen hilft, sich in der Therapie gänzlich zu öffnen, ist folgender:

Klient*innen möchten das echte Interesse fühlen können

Was zunächst einfach klingt ist, ist essenziell für die hochkomplexe, intime, aber auch verletzliche Beziehung, die sich Klient*innen von dir und mit dir als Therapeut*in in der Psychotherapie wünschen. Eine therapeutische Beziehung sollte ein stabiles Vertrauensverhältnis sein, dass dich und deine Klient*innen zu gleichen Teilen integriert – unter Berücksichtigung einer gesunden, aber nicht sachlichen Distanz.

Der bindungsorientierte Kontakt bedeutet sehen, verstehen und fühlen

Wenn ich sage, dass der Mensch gesehen und verstanden werden möchte, geht es eigentlich noch viel tiefer:
Ein für uns Therapeut*innen relevanter Kontakt entsteht erst, wenn Klient*innen sich von uns gefühlt fühlen.
Der Kontakt als reales Ereignis, als sich hundertfach wiederholendes Momentum im Prozess der Therapie ist die Triebfeder für den therapeutischen Fortschritt.

Wie erfolgreich dieser echte Kontakt zustande kommt, entscheidet aber: Deine Klient*innen.
Die therapeutische Beziehung aufbauen heißt somit, durch dein Verhalten den Weg zu eben, auf dem dein*e Klient*in sich für dich entscheiden kann, wenn jeder Kontakt zu dir wertgeschätzt wird und zur Vertiefung einer vertrauensvollen Bindung beiträgt. Die Frage, die du dir als Therapeut*in stellen kannst, ob in der Psychotherapie oder jeder anderen Therapie:

Was braucht dieser Mensch von mir, um sich gefühlt zu fühlen?

Stelle einen gesunden persönlichen Kontakt her

Da deine Fähigkeit, professionelle persönliche Distanz zu wahren, und dein Vermögen, das Nähe-Distanz-Bedürfnis deiner Klient*innen zu erkennen und zu integrieren, vorausgesetzt sind, gilt für alle weiteren Aspekte deiner therapeutischen Arbeit:
Du darfst bitte unbedingt menschlich bleiben und dich auch so zeigen und verhalten.

Die angemessene Distanz, die du für deine Arbeit brauchst, kann auf körperlicher Ebene hergestellt werden. Wenn du in einer Kontaktsituation bist und ihr beide stark aufeinander fokussiert seid, achte zum Beispiel darauf, immer wieder deinen Rücken zu spüren und nicht mit deinem Körper nach vorne zu gehen. Wenn du deinen eigenen Rücken an der Lehne spürst, bist du mit deiner Energie und deinen Gedanken bei dir. In dem Raum, der dann zwischen dir und den Klient*innen entsteht, kann die therapeutische Beziehung stattfinden und dort kann sich dein Gegenüber entfalten. Du kannst den Raum durch bewusstes körperliches Handeln bewahren und zugleich Nähe schaffen. Dabei hilft zum Beispiel auch ein regelmäßiges Unterbrechen des Augenkontaktes.

Trau dich zu sagen, was du siehst

Klient*innen kommen mit den unterschiedlichsten Symptomen und Problemen zu uns in die Therapie. Sie alle hoffen auf eine Lösung und glauben, dass du sie hast.
Das Problem, das sie selbst formulieren, ist aber häufig nur ein Symptom des eigentlichen, tieferliegenden und komplexen Problems, das es zu lösen gilt.
Hier kannst du deine Zurückhaltung aufgeben, denn es ist es in der Psychotherapie wichtig zu spiegeln, was du wirklich siehst!
Bleibe dabei menschlich und gehe nicht in eine Rolle – das ist die Grundlage einer guten therapeutischen Beziehung.

Trau dich zu fragen, wie die therapeutische Beziehung empfunden wird

Die emotionale Selbstregulation vieler Klient*innen ist auf Grund ihrer inneren Spannungslage häufig zwischen zwei Extremen gefangen: Ständige Spannung und Übererregung oder Kollabieren in Erschöpfung.
Um sich regulieren zu können, wird Sicherheit und Festigkeit in Beziehungen gebraucht. Daher sollte die therapeutische Beziehung genau dieses Gefühl sicherstellen!

Hierzu darf eine weitere therapeutische Zurückhaltung aufgegeben werden – stell die Frage:
Fühlst du dich gesehen?
Hast du das Gefühl, das ich dich gänzlich erfasse und dir spiegeln kann, was bei dir los ist?

Konkrete Handlungsschritte für die ideale Beziehung zum Therapeuten:

  • Keine Rolle! Begegnung als Mensch
  • Bleib in deinem Stuhl sitzen und spür deinen Rücken! Gib deinen Klient*innen Raum.
  • Gehe immer mal wieder aus dem Augenkontakt!
  • Lass deine Klient*innen den Platz selbst aussuchen!
  • Frag dich regelmäßig, was dein Klient braucht, um sich gesehen zu fühlen
  • Mache dir immer bewusst: Die Klientin möchte sich von dir gefühlt fühlen.
  • Frage nach, ob sich dein Klient von dir gesehen und gefühlt fühlt

All diese Punkte können als Grundpfeiler für eine stabile, belastbare und damit ideale therapeutische Beziehung verstanden werden und sind somit auch essentielle Basis für jede therapeutische Gesprächsführung.

Wenn du als Therapeut*in oder Psychotherapeut*in tiefer in die Themen der Traumatherapie einsteigen möchtest, informiere dich gern hier auf meiner Website oder auf meinem YouTube-Kanal über weitere Themen, passende Literatur, alle Fortbildungsangebote und Termine.

 

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