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Ohne Sicherheit keine Veränderung

von | 20.09.2021 | 3 Kommentare

Ein grundlegender Faktor für Veränderung wird von uns allen oft vergessen: Es ist das Gefühl von Sicherheit. Dieses Gefühl ist ein bisschen wie unser Gleichgewichtssinn, wir nehmen ihn als Sinn kaum zur Kenntnis. Menschen, bei denen der Gleichgewichtssinn nicht mehr funktioniert, bringen sich allerdings oft um – es ist unbeschreiblich furchtbar, ständig das Gefühl zu haben, innerlich wegzukippen.

Als Kind hatte ich eine lange unerkannte Meningitis. Ein Symptom war das Gefühl, immer nach hinten wegzukippen – sogar im Bett liegend. Das war ein grausamer Zustand und ich konnte monatelang im Liegen nicht entspannen. Wer schon einmal unter Lageschwindel gelitten hat, weiß, wovon ich spreche.

Trauma bedroht die grundlegende Sicherheit deiner Klient*innen

Mit dem Gefühl von Sicherheit verhält es sich genauso. Es ist ein grundlegender Zustand, der unser Lebensgefühl bestimmt, ohne dass wir ihn im Normalfall wirklich zur Kenntnis nehmen.

Wir gehen einfach davon aus,

  • dass die Brücke, über die wir fahren, sicher ist und uns tragen wird
  • dass uns niemand auf der Straße einfach schlägt
  • dass das Haus, in dem wir leben, weiter stehen bleibt
  • dass die Person, die uns gegenübersitzt, uns nichts tun wird.

Trauma führt dazu, dass diese grundlegende Sicherheit plötzlich und oft für immer wegbricht. Traumata führen dazu, dass wir die Welt mit anderen Augen sehen und von überall Gefahr droht.

Auch in einem Therapieraum.

Sicherheit und menschengemachtes Trauma

Gerade Menschen, die „menschengemachte“ Traumata erlebt haben, haben diese oft in einem Raum, in dem sie mit einer Person alleine waren, erlebt. Selbst wenn sie sich die Therapie ausgesucht haben und ihnen kognitiv bewusst ist, dass wir ihnen sehr wahrscheinlich wohlgesonnen oder zumindest neutral gegenübersitzen, sagen ihnen ihre Instinkte etwas anderes. Oftmals kann man dies daran sehen, dass Klient*innen sehr auf uns konzentriert sind. Sie behalten uns die ganze Zeit im Blick.

Dieses Verhalten deutet nicht etwa auf eine gute Konzentrations- oder Kontaktfähigkeit hin, sondern häufig auf das Bedürfnis nach Kontrolle. Sind Menschen in einem entspannten Zustand, so schauen sie sich ihre Umgebung an, sind neugierig und erforschen neue Räume. Blickkontakte sind entspannt und eher kurz. Wir erlauben unserem Blick zu kommen und zu gehen.

Für den therapeutischen Prozess ist ein erhöhter Stresszustand sehr hinderlich. Sind Menschen in einem erhöhten Spannungs- oder gar Alarmzustand, so können sie sich kaum wirklich auf sich selbst einlassen. Es ist sehr schwierig, in einen rezeptiven Zustand zu kommen, in dem ich mich selbst spüren und reflektieren kann, wenn ich Stress habe.

Dies zeigt sich oft bei Klient*innen, indem sie viel und schnell reden. Sie wollen uns ihre Geschichte erzählen, ihr Problem, ihr Thema. Sprache ist dann ein Mittel, um vor sich selbst wegzulaufen und den eigenen Stress nicht zu spüren. Aber auch, um uns beschäftigt zu halten.

Diese Form des Gesprächs verhindert, mit dem Gegenüber wirklich in Kontakt zu kommen.

Wie entsteht Sicherheit?

Sicherheit entsteht in unserem Leben in erster Linie durch gute und sichere Kontakte. Sind wir ständig außerhalb des Window of Tolerance in einem übererregten Zustand, stehen unter Spannung und Stress, so kann uns Co-Regulation helfen, wieder in uns selbst zu landen.

Genau hier finden wir allerdings ein schwieriges Paradox. Gerade die Menschen, die am schlimmsten traumatisiert sind, haben oft am meisten Angst vor Kontakt. Sie haben einmal gelernt, dass Menschen eine Gefahr für sie sind. Diese Assoziation ist oft sehr fest und massiv verankert. Ihr Körper-Psyche-System ist deshalb meist sehr geschlossen und sie können keine Regulation von außen annehmen oder zulassen. Das bedeutet, dass die Menschen, die uns am meisten brauchen, oft am schlechtesten für uns zu erreichen sind.

Die Kontrolle zu haben ist eine Illusion

Manche Menschen versuchen Sicherheit dadurch zu erzeugen, dass sie innerlich ein Gefühl von Sicherheit durch Kontrolle herstellen. Leider ist dieses Gefühl immer eine Illusion, da wir als Menschen letztendlich sehr wenig Kontrolle über unser Leben haben. Diese Strategie führt oftmals zu noch mehr Trauma, da das innere Gefühl von Kontrollverlust immer wieder an die Traumata anknüpft und die Erfahrung von Hilflosigkeit verstärkt.

Meist führen die Strategien zur Herstellung von Sicherheit eher zu mehr Abschottung und Trennung als zu dem Gefühl von Verbindung und Zugehörigkeit. Menschen befinden sich dann oft in einer Abwärtsspirale von Einsamkeit und sozialer Isolation. Leider führt dies auch dazu, dass sie keine Rückmeldungen von außen mehr bekommen oder annehmen können. Sie befinden sich in einem selbstreferentiellen System, in dem sie sich selbst alle Antworten geben.

Kontakt in der Therapie möglich machen

Therapeutisch ist es zunächst wichtig, die Angst und den Stress der Klient*innen zu benennen und ihnen zu erlauben, misstrauisch zu sein. Sie haben jedes Recht dazu, uns nicht zu vertrauen. Sie kennen uns ja überhaupt nicht. Oftmals gibt es alleine dadurch schon eine Entspannung.

Wenn der Elefant im Raum benannt ist, ist er nicht mehr ganz so mächtig.

Im therapeutischen Prozess geht es dann darum, langsam Kontakt herzustellen und den Klient*innen ein Umlernen zu ermöglichen. Sie können dann – vielleicht zum ersten Mal -neue Erfahrungen mit Kontakt machen. Ein wichtiger Faktor dabei ist die Einbeziehung des Körpers, das kann mit der Zeit auch Körperkontakt sein. Berührungen sind gerade für sehr früh traumatisierte Menschen existentiell wichtig, da sie die Welt und andere Menschen sonst nur „virtuell“ wahrnehmen. Diese Menschen fühlen sich oft alleine, selbst wenn sie unter anderen Menschen sind. Da sie es nie gelernt haben, ist es ihnen nicht möglich, den Kontakt innerlich zu spüren.

Als Therapeut*innen sollten wir alte Dogmen über Bord werfen und uns trauen, auch Berührung als wichtiges Element einer Psychotherapie zu sehen. All dies sollte selbstverständlich immer im Kontakt mit den Klient*innen und in einem sehr langsamen Tempo stattfinden.

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3 Kommentare

  1. Ewald Dietrich

    Ich stimme dir vollkommen zu, liebe Dami.
    Du schreibst über Menschen, die „menschengemachte“ Traumata erlebt haben: „Selbst wenn sie sich die Therapie ausgesucht haben …“ Und danach darüber, wie sie im Raum mit dir sind.
    Doch was, wenn sie sich die Therapie zwar ausgesucht haben, aber es nicht in den Therapieraum schaffen, sondern vorab über Telefonate die Sicherheit / das Vertrauen / die stimmige Chemie aufbauen wollen, wovon du – meiner Erfahrung nach vollkommen zurecht – sagst, dass „dieses Gefühl immer eine Illusion“ ist?
    Liebe Grüße
    Ewald

    Antworten
    • Dami Charf

      Lieber Ewald, es liegt dann an dir auch Grenzen zu setzen, wie viel Beratung du vorab am Telefon machen möchtest. Herzliche Grüße, Dami

      Antworten
  2. Sandra

    Liebe Dami, danke für den Artikel! Ich bin ein sog. „Frühchen“. Gleich nach der Geburt Trennung von der Mutter und die ersten Wochen im Krankenhaus verbracht, kaum Körperkontakt. Mir war lange Zeit gar nicht bewusst, was das für tiefgreifende Folgen hat (implizite Erinnerungen). Ich hatte mir später wegen meiner Beziehungsschwierigkeiten einen Therapeuten ausgesucht, den ich nach den Probesitzungen sehr sympathisch fand. In denen saßen wir uns gegenüber. Als die Therapie begann, sollte ich dann auf die Couch gehen. Ich erinnere mich, dass ich das nicht wollte, ich spürte einen „inneren Alarm“, aber ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Jetzt weiß ich, dass es eine normale Reaktion war – es war ein Kontakt- und Sicherheitsverlust, weil ich den Therapeuten nicht mehr sehen konnte. Total schade, irgendwie!

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