Über die neurobiologischen Grenzen der Online-Therapie – besonders bei frühem Trauma

Die Frage, die ich dir stellen möchte, ist keine des Geschmacks. Ob wir online oder im selben Raum mit unseren Klientinnen und Klienten arbeiten, wird meist verhandelt, als ginge es um Vorlieben – um Erreichbarkeit, Bequemlichkeit, persönlichen Stil. Ich möchte dem widersprechen: Es ist eine Frage des Wirkmechanismus von Online-Therapie oder Therapie in Präsenz. Und dieser Mechanismus lässt sich heute neurobiologisch ziemlich präzise beschreiben.

Lass uns deshalb zuerst die Fakten nüchtern ansehen. Und dann anschauen, warum Online-Therapie gerade für die Menschen, die am frühesten verletzt wurden, nicht wirklich heilsam sein kann.

Teil 1 – Wie therapeutische Wirkung entsteht

Schore: keine „talking cure“, sondern eine „communicating cure“

Allan Schore hat über drei Jahrzehnte ein körperbasiertes Modell von Bindung und Therapie ausgearbeitet. Für unsere Arbeit ist eine Einsicht zentral: Die frühesten Beziehungserfahrungen unserer Klientinnen und Klienten sind nicht als Erzählung gespeichert, sondern implizit und rechtshemisphärisch – unterhalb der Sprache, unterhalb des autobiografischen Erinnerns. Sie werden nicht erzählt. Sie werden inszeniert – im Raum, zwischen zwei Körpern.

Schore beschreibt die heilsame Beziehung als „right brain to right brain“: eine ultraschnelle, vorbewusste Kommunikation über Gesicht, Stimme, Tonalität und Gestik. Die Konsequenz, die er daraus zieht, verschiebt unser Selbstverständnis: Therapie wirkt nicht primär durch verbale Einsicht, sondern durch die Bildung eines regulierenden, affektkommunizierenden Bandes – weniger **„**talking cure” als **„**communicating cure”.

Damit rückt unser eigener Körper ins Zentrum. Unsere vegetativen Reaktionen – der Kloß im Hals, die plötzliche Müdigkeit, das Enger-Werden in der Brust – sind oft die erste Information über den Zustand des Gegenübers, bevor unser Verstand etwas registriert. Schore nennt das somatische Gegenübertragung: die körperlichen Reaktionen der Therapeutin auf die bewussten und vor allem unbewussten Mitteilungen der Klientin, in einem gemeinsam erzeugten intersubjektiven Feld. Dieses Feld, so betont er, ist mehr als zwei Köpfe. Es sind zwei Körper, zwei autonome Systeme in Resonanz.

(Falls du mehr über Somatische Übertragung und deren Einsatz in der Therapie lernen möchtest und über die Arbeit mit den impliziten, prozessorientierten Erinnerungen, dann trage dich für die kostenfreie Minifortbildung von mir hier ein.)

Siegel: „feeling felt“ und Integration

Daniel Siegel hat mit der “Interpersonellen Neurobiologie” einen Begriff geprägt, den wir alle in der Arbeit spüren: feeling felt – sich gefühlt fühlen. Aus feiner Abstimmung (Attunement) entsteht Resonanz, und in der Resonanz – messbar als angeglichener Herzrhythmus, Atmung, sogar Hirnaktivität – werden aus zwei Einzelnen ein „Wir“. Für Menschen, deren frühe Beziehungserfahrung genau diese Resonanz vermissen ließ, ist das kein Beiwerk. Es ist die Reparatur selbst.

Taylor und McGilchrist: das Feld kippt nach links

Wie eigenständig die rechte Seite arbeitet, zeigt die Hirnforscherin Jill Bolte Taylor, die 1996 einen Schlaganfall in der linken Hemisphäre erlitt. Während die linke Seite verstummte, erlebte sie Frieden, Weite und ein Gefühl von Einssein – die Welt der rechten Hemisphäre, befreit vom trennenden inneren Kommentar. Erst die zurückkehrende linke Seite erkannte die Gefahr. Ihr Ted-Talk hat Millionen von Menschen erreicht und berührt.

Iain McGilchrist hat daraus die größere These gemacht: Die rechte Hemisphäre ist nicht die „kreative oder emotionale“ Seite, sondern die, die das lebendige, kontextuelle, beziehungshafte Ganze wahrnimmt – die “Meisterin”. Die linke verwaltet, kategorisiert, benennt – die “Dienerin”.

Seine Diagnose: Unsere Kultur hat dieses Verhältnis umgekehrt. Online-Therapie ist, neurobiologisch gelesen, ein weiterer Schritt in dieselbe Richtung – ein Setting, das den linkshemisphärischen Kanal (Wort, Bild, Sequenz) privilegiert und den rechtshemisphärischen (Körper, Resonanz, geteiltes Feld) beschneidet.

Teil 2 – Was daraus für die Online-Therapie folgt

Damit kein Missverständnis entsteht: Online-Therapie hat ihren Platz. Sie schafft Zugang, wo es sonst keinen gäbe – auf dem Land, bei Immobilität, in Übergängen, für Menschen, die anders gar nicht in Kontakt kämen. Sie hält Prozesse aufrecht, wenn Präsenz unmöglich ist. Für viele stabilisierende und kognitiv orientierte Arbeiten ist sie eine echte Hilfe. Nichts davon möchte ich kleinreden.

Und dennoch folgt aus den Fakten oben eine nüchterne Begrenzung. Drei Punkte:

  1. Wir sehen nie den ganzen Körper In der Traumaarbeit ist der Körper der eigentliche Text. An Mikrobewegungen, Atemwellen, kalten Händen, der Verschiebung im Becken, dem Kippen in die Erstarrung lesen wir den Bereitschaftszustand ab. Der Bildschirm zeigt ein Rechteck: Kopf und Schultern, oft schlecht ausgeleuchtet, selten den Rumpf, fast nie Beine, Füße, den Stand. Genau der Teil des Körpers, in dem sich Übererregung und Erstarrung am deutlichsten zeigen, bleibt außerhalb des Rahmens.
  2. Wir sehen die Person – aber wir spüren sie nicht Hier liegt der Kern. Schores intersubjektives Feld ist ein Feld zweier Körper. Die somatische Gegenübertragung – unser feinstes Instrument – entsteht in einem geteilten Raum, in dem zwei autonome Systeme aufeinander schwingen. Über den Bildschirm bekommen wir ein Bild und einen komprimierten Ton. Wir bekommen keine Präsenz. Das Feld, in dem unsere eigene vegetative Resonanz uns etwas über das Gegenüber verrät, entsteht gar nicht erst – oder nur als blasses Echo. Wir sind auf das Visuelle reduziert. Und das Visuelle ist der beobachtende, linkshemisphärische Kanal, nicht der spürende.
  3. Der Blick trifft sich nicht – und die Millisekunden stimmen nicht Echte rechtshemisphärische Abstimmung läuft in Millisekunden. Durch die Kameraposition schauen wir uns nie wirklich in die Augen – wir sehen entweder das Bild oder die Linse, nie beides zugleich. Und schon minimale Latenz zerstört die exakte Synchronie, die Hyperscanning-Studien an Präsenz-Sitzungen nachweisen. Co-Regulation, die auf präzises Timing angewiesen ist, gerät ins aus dem Takt.

Teil 3 – Warum das gerade bei frühem Trauma entscheidend ist

Bei späten Themen erreichen wir mit Sprache, Einordnung und Ressourcenarbeit vieles – auch online. Diese Menschen haben schon eine grundlegende Regulation, Ressourcen, Körpergefühl. Sie können sich selbst mit unserer Unterstützung regulieren und erforschen.

Bei frühem, präverbalem Trauma sieht es anders aus. Was vor der Sprache entstanden ist, ist implizit gespeichert, rechtshemisphärisch, im Körper. Es lässt sich nicht über Worte erreichen, sondern nur über den Kanal, über den es einst entstanden ist: right brain to right brain, über Resonanz, über Co-Regulation, über das geteilte Feld.

Schore spricht von der therapeutischen Beziehung als einer zweiten Chance auf sichere Bindung. Diese zweite Chance ist kein Gespräch. Sie ist eine verkörperte Erfahrung von Gehalten-Werden – von einem Gegenüber, dessen reguliertes System dem dysregulierten System des Klienten Halt anbietet, bis dieses lernt, sich selbst zu halten.

Genau dieses geteilte, körperliche Feld ist das, was der Bildschirm strukturell nicht überträgt. Es geht also nicht darum, dass Online-Therapie bei frühem Trauma „weniger ideal“ wäre. Es geht darum, dass der eigentliche Wirkmechanismus über diesen Weg gar nicht erst zünden kann.

Wir brauchen Menschen, die wir fühlen können. Die wir ganz erfassen können. Die wir riechen und spüren können. Die Nuancen der Kommunikation, die erst echte Begegnung möglich machen.

Menschen hungern immer mehr nach dieser Art von Kommunikation, wo wir uns gegenseitig fühlen können und eine Art von Verbundenheit entstehen kann, die einen Raum öffnet, der weit über das hinausgeht, was wir alleine schaffen könnten.

Doch wir müssen für diese Momente einen Raum schaffen, durch unsere Präsenz, unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, unser Attunement – dann kann etwas entstehen, das größer ist und Heilung einlädt.

Es sind diese Momente, die wir nie vergessen werden.

Vielleicht ist die wichtigste Frage am Ende nicht, ob Online-Therapie „auch geht“. Sondern, was wir in die Welt bringen und fördern wollen – und ob wir ehrlich genug sind, die Grenzen unseres Settings zu benennen, statt sie zu übersehen, weil es bequemer ist.

Genau hier setzt die Arbeit mit SEI® an: Wir schulen nicht primär den Verstand, sondern die Fähigkeit, mit dem eigenen Körper als Instrument zu arbeiten – die somatische Gegenübertragung bewusst zu nutzen, Co-Regulation zu gestalten, im geteilten Feld zu lesen. Wenn du diesen rechtshemisphärischen Kanal bewusster in deine Arbeit holen willst, findest du in der SEI®-Fortbildung den Rahmen dafür.

Literatur

Charf, D. (2018): Auch alte Wunden können heilen. München: Kösel.

McGilchrist, I. (2009): The Master and His Emissary. The Divided Brain and the Making of the Western World. New Haven: Yale University Press.

Porges, S. W. (2011): The Polyvagal Theory. New York: W. W. Norton.

Schore, A. N. (1994): Affect Regulation and the Origin of the Self. Hillsdale, NJ: Erlbaum.

Schore, A. N. (2019): Right Brain Psychotherapy. New York: W. W. Norton.

Schore, A. N. (2022): Right brain-to-right brain psychotherapy: recent scientific and clinical advances. Annals of General Psychiatry, 21:46.

Siegel, D. J. (2010): The Mindful Therapist. New York: W. W. Norton.

Siegel, D. J. (2012): The Developing Mind. 2. Aufl. New York: Guilford Press.

Taylor, J. B. (2008): My Stroke of Insight. New York: Viking.

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