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Transkript
Wie ist Veränderung möglich?
Hallo und Willkommen zu Deinem Schnupperkurs für Therapeuten für den Umgang mit traumatisierten Klienten. Ich bin Dami Charf und heute möchte ich ein bisschen etwas darüber sagen, wie eigentlich Veränderung in Therapie geschehen kann.
Einer der meiner Meinung nach größten Denkfehler ist, dass Veränderung dadurch geschieht, dass wir erkennen, was mit uns los ist. Erkenntnis ist wunderbar und bestimmt auch der erste Schritt, den wir gehen müssen, um uns zu verändern, aber Erkenntnis ist nur der kleinste Teil dessen. Der viel schwierigere Teil ist tatsächlich, dass mein Verhalten sich verändert, dass mein Fühlen sich verändert, dass meine Wahrnehmung sich verändert, denn das sind die essentiellsten und existentiellsten Dinge, die unser Leben ausmachen. Wenn ich ständig die Wahrnehmung habe, dass die Welt mir feindlich gesinnt ist, dann nützt mir alle Erkenntnis nicht, dass das wahrscheinlich nicht stimmt, das muss sich erst in ein Fühlen übersetzen.
Wenn wir mit Klienten arbeiten, sind wir immer in einem dialogischen Kontakt, und in diesem Kontakt werden sich bestimmte Dinge offenbaren: Wie Menschen die Welt wahrnehmen, wie sie sich wahrnehmen, wie sie in die Welt gehen, was sie für Verhaltensweisen zeigen. Uns muss dabei klar sein, dass wir immer nur ein kleines bisschen vom Klienten kennenlernen. Sinnvoll wäre, wenn wir alle mal Hausbesuch machen dürften und die Wohnung besuchen, Freunde kennenlernen, Partner oder Partnerinnen kennenlernen, und erst dann wüssten wir, wie sich jemand in seinem Leben wirklich verhält. Manche Klienten haben wunderbare Erkenntnisse und erzählen uns diese, und wenn wir das erste Mal jemanden hören, der die Leute kennt, vielleicht durch Zufall oder wie auch immer, bekommen wir plötzlich ein völlig anderes Bild der Person. Das ist die Falle, in die wir als Therapeuten tappen können, dass wir nur eine einzige Version, einen einzigen Blickwinkel bekommen. Das ist manchmal schade, aber es ist gut, sich dessen bewusst zu bleiben, dass es sein kann, dass viel Information fehlt oder sich jemand in der Fremdwahrnehmung nicht wirklich kennt.
Wenn wir dann Veränderung initiieren wollen, denken viele, wenn wir Gefühle evozieren oder in Erinnerungen gehen, die dramatisch oder sehr schwierig sind, dann würde das eine Veränderung in Gang setzen. Auch das ist leider nur teilweise wahr. Oft ist das einfach eine Wiederholung dessen, was wir schon kennen, schon fühlen, schon erlebt haben, und bringt nicht wirklich etwas Neues. Etwas Altes wieder hochzubringen ist der einfachste Teil der Therapie. Was uns aber eigentlich interessiert, ist, dass Klienten eine neue Erfahrung machen, dass sie etwas mit unserer Begleitung anders erleben, dass sie merken, dass sie nicht mehr alleine sind, dass wir sie anders spiegeln und ihnen helfen, neue Erfahrungen zu machen. Das ist der springende Punkt und erst das bringt eine wirkliche Integration der alten Geschichte. Das Eine ist, die eigene Geschichte zu erkennen, das Andere, sie zu integrieren und heute anders damit ins Leben zu gehen. Das ist eigentlich unser Job als Therapeuten. Wie Veränderung eigentlich möglich ist, ist auf einer bestimmten Ebene immer noch ein Mysterium. Manche Klienten scheinen die Unterstützung, die wir ihnen geben, sehr schnell umsetzen zu können, manche eher nicht und manche gar nicht.
Punkt eins ist, dass die Beziehung stimmen muss. Wenn die Beziehung eine rein faktische Arbeitsbeziehung ist, wird das Ergebnis wahrscheinlich nicht sonderlich gut sein. Der zweite Punkt ist, dass wir den Klienten immer wieder lehren wollen, mehr und mehr Erregung, Arousal in sich regulieren zu können. Das ist die Grundlage jeder Veränderung. Wenn sich das nicht ändert, nutzen alle anderen Schritte und Erkenntnisse nicht bemerkenswert viel. Erst diese Kompetenz, Emotionen und Erregung regulieren zu können, in einem guten Spannungsfeld zu sein, ermöglicht Menschen, sich adaptiv anzupassen und zu reagieren und auch aktiv in ihr Leben zu gehen. Dafür brauchen wir in der Therapie immer wieder den Zugang zu diesen eher impliziten Inhalten, an die wir uns nicht wirklich erinnern, die uns aber dennoch prägen.
An diese Inhalte kommen wir nur, wenn unsere Klienten sich eher am oberen Ende des Window of Tolerance bewegen. Das heißt, wir brauchen eine gewisse Art von Spannung, damit wir Zugang zu alten Inhalten und Mustern bekommen, und gleichzeitig müssen wir sie so viel koregulieren, dass sie nicht aus diesem Fenster herausfallen und dass sie merken, dass sie diese Erregung heute gut regulieren können. Das sind sehr wichtige Bausteine in jeder psychotherapeutischen Veränderung, in Prozessen, die wir anleiten. Das heißt, wir brauchen zwei Dinge, einerseits die Sicherheit, die den Parasympathikus aktiviert und Entspannung in die Person bring und auch mehr Toleranz gegenüber Aufregung, Trauer und Emotion, und gleichzeitig brauchen wir jemanden, der aktiviert ist, sonst schläft uns die Person ein oder erzählt ohne Ende, und das bringt auf Dauer nicht viel. Diese Mischung aus Aktivierung, Koregulation, Ausweitung und aus Neuerfahrung und Integration der alten Erfahrung sind die Veränderungsprozesse, die wir anstreben und begleiten wollen. So können wir relativ „schnell“ wirklich gute Ergebnisse für unsere Klienten finden.
Ich hoffe, das war eine Anregung für Dich, und wir sehen uns bald wieder, bis dahin tschüs, Dami.

