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Hypervigilanz bei Therapeuten: Wie viele von uns waren Eierschalen-Kinder?

Gerade geht ein Begriff um die Welt, und er wird in den nächsten Monaten in unseren Praxen ankommen: Eierschalen-Eltern. Die amerikanische Psychologin Kim Sage beschreibt damit Eltern, deren Stimmung so unberechenbar ist, dass ihre Kinder dauernd auf Eierschalen laufen. Ihre Videos haben Millionen Menschen erreicht, ihr Buch „Hypervigilant“ erscheint im Herbst auf Deutsch. Unsere Klientinnen und Klienten werden mit diesem Wort zu uns kommen, und viele von ihnen werden erleichtert sein, weil sie endlich einen Namen für etwas haben, das sie ihr Leben lang begleitet.

Ich möchte die Frage heute umdrehen. Nicht: Wie erkennen wir die Eierschalen-Kinder unter unseren Klienten? Sondern: Wie viele von uns sitzen auf dem Therapiesessel, weil wir als Kinder gelernt haben, eine Stimmung zu erfassen, bevor jemand ein Wort gesagt hat?

Die Forschung ist unbequem eindeutig

Die Zahlen dazu sind älter, als man denkt, und erstaunlich wenig diskutiert. Elliott und Guy befragten Anfang der Neunzigerjahre 2.623 Menschen aus verschiedenen Berufen. Die Fachleute aus dem psychosozialen Bereich berichteten häufiger von körperlicher Misshandlung, sexuellen Übergriffen, alkoholkranken Eltern, psychiatrischen Klinikaufenthalten eines Elternteils und belasteten Familienverhältnissen als Anwälte, Ingenieure, Buchhalter oder Pflegekräfte (Elliott & Guy, 1993). In einer Befragung von Pope und Feldman-Summers gab ein Drittel der Psychologinnen und Psychologen an, in Kindheit oder Jugend körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben (1992).

Noch näher an unserem Thema ist eine kleine Studie von Antonietta DiCaccavo. Sie verglich angehende Beratungspsychologen mit Studierenden anderer psychologischer Fachrichtungen. Die künftigen Beraterinnen und Berater berichteten von signifikant weniger Fürsorge durch ihre Mütter, trauten sich aber zugleich mehr zu, wenn es darum ging, für andere zu sorgen (DiCaccavo, 2002). Mit 64 Teilnehmenden ist das keine Grundlage für große Thesen. Das Muster ist trotzdem vielsagend: Wer wenig bekommen hat, wird gut im Geben.

Pete Walker, der die unterwürfige, beschwichtigende Überlebensreaktion als „Fawn“ beschrieben hat, ergänzt das aus seiner klinischen Erfahrung. Menschen mit dieser Strategie landen auffallend oft in helfenden Berufen. Das ist eine Beobachtung und keine Studie. Ich halte sie für plausibel, und die Daten oben weisen in dieselbe Richtung.

Das Gespür, das uns gut macht

Bevor wir daraus eine Pathologie machen: Keine Haltung ist krankhaft. Das feine Gespür für den kleinsten Wechsel in einem Gesicht, die Fähigkeit, eine Stimmung zu erfassen, bevor sie ausgesprochen ist, genau das macht viele von uns gut in dieser Arbeit. Wir haben eine harte Kinderschule in eine Kompetenz verwandelt. Das verdient Respekt, auch uns selbst gegenüber. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein weiterer Befund von Elliott und Guy: Zwischen Fachleuten mit und ohne Missbrauchserfahrung fanden sie keine Unterschiede in der aktuellen psychischen Belastung.

Ich widerspreche deshalb auch der verbreiteten Vorstellung, eine gute Therapeutin müsse frei von alldem sein, gewissermaßen fertig geheilt. Das Bild vom verwundeten Heiler hat seine kitschigen Seiten, aber sein Kern stimmt. Wer die Innenseite der Hypervigilanz kennt, glaubt der Klientin sofort, wenn sie erzählt, dass sie nach einem schönen Abend mit Freunden zwei Tage braucht, um sich zu erholen. Die Frage ist also nicht, ob wir dieses Gespür haben. Die Frage ist, ob wir es haben oder ob es uns hat.

Zwei Wachsame in einem Raum

Stellen wir uns eine ganz gewöhnliche Sitzung vor. Die Klientin erzählt, stockt und schaut kurz hoch. In diesem Blick findet eine Prüfung statt, die sie selbst nicht bemerkt: Ist das Gesicht gegenüber noch freundlich? Hat die Pause etwas verändert? Wenn nun auch die Therapeutin mit einem hellwachen inneren Tier dasitzt, das auf jede kleine Unruhe der Klientin reagiert, dann sitzen zwei Wachsame im Raum und beobachten einander. Die Therapeutin spürt die Anspannung, wird unmerklich vorsichtiger, weicher, beschwichtigender. Die Klientin nimmt genau das wahr und liest es als Hinweis: Hier stimmt etwas nicht. Niemand hat etwas falsch gemacht, und trotzdem hat sich die alte Vorhersage gerade wieder bestätigt.

Das ist kein Randproblem. Die Bindungsforschung beschreibt die Lage von Kindern unberechenbarer Eltern als „fright without solution“, Angst ohne Lösung (Main & Hesse, 1990): Die Quelle des Schutzes ist zugleich die Quelle der Gefahr. In der Therapie wiederholt sich diese Struktur in leiser Form. Die Klientin braucht uns und prüft uns gleichzeitig. Was ihr hilft, ist nicht ein besonders einfühlsames Gegenüber, sondern eines, das mitschwingen kann, ohne mitzukippen. Und das lässt sich nicht spielen. Darin ist die Klientin Expertin, sie merkt es sofort.

Warum Psychoedukation hier an ihre Grenze kommt

Die neue Welle an Büchern und Videos zu Eierschalen-Eltern leistet etwas Wertvolles: Sie gibt Menschen Worte. Methodisch setzen die meisten dieser Angebote aber fast ausschließlich über den Kopf an. Tagebuch schreiben, Glaubenssätze prüfen, Befürchtungen hinterfragen, Fertigkeiten aus der DBT üben. Das ist nicht falsch. Es greift nur zu kurz, und zwar aus einem Grund, der sich aus genau der Theorie ergibt, auf die sich diese Bücher gern berufen.

Lisa Feldman Barrett beschreibt das Gehirn als ein Organ, das vor allem eines tut: den Haushalt des Körpers vorausschauend zu regeln. Vorhersagen entstehen in diesem Modell nicht zuerst als Gedanken, sondern als körperliche Bereitschaft, als Muskeltonus, Atmung, Herzschlag und Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Hypervigilanz ist dann keine falsche Überzeugung, sondern eine gelernte Gewichtung. Der Körper hat in den prägendsten Jahren gelernt, Gefahrensignalen mehr Gewicht zu geben als allem anderen, und er tut das bis heute mit großer Treue.

Eine solche Gewichtung ändert sich nicht, weil wir ihr widersprechen. Sie ändert sich, wenn der Körper wiederholt eine Erfahrung macht, die nicht zur Vorhersage passt. Bruce Ecker hat das für die Gedächtnisrekonsolidierung sehr präzise beschrieben: Ein altes emotionales Lernen wird erst dann veränderbar, wenn es aktiviert ist und gleichzeitig eine Erfahrung da ist, die ihm widerspricht. Nicht eine gedachte Erfahrung. Eine erlebte.

Psychoedukation hat bei hypervigilanten Menschen außerdem eine Nebenwirkung, über die wir zu selten sprechen. Wer gelernt hat, alles zu überwachen, überwacht jetzt eben auch sich selbst. Die Checkliste wird zur nächsten Wetterkarte. „Bin ich gerade wieder am Beschwichtigen?“ ist eine kluge Frage. Für manche Klientinnen und Klienten ist sie aber vor allem ein neuer Grund, auf Eierschalen zu laufen, diesmal im eigenen Inneren.

Was stattdessen hilft: viele kleine Überraschungen

Wenn Hypervigilanz eine körperliche Vorhersage ist, dann braucht die Behandlung Erfahrungen, die im Körper ankommen. In der SEI® arbeiten wir deshalb in einer klaren Reihenfolge: erst die Empfindung, dann die Emotion, dann die Kognition. Bei Entwicklungstrauma suchen wir nicht nach der einen großen Erinnerung, sondern nach vielen kleinen Momenten, in denen die alte Vorhersage nicht eintrifft. In der Praxis sieht das oft unspektakulär aus:

  • Die Klientin darf den Raum zuerst mit den Augen erkunden, bevor wir überhaupt reden. Orientierung ist kein Vorspiel zur Behandlung, sie ist bereits Behandlung, denn der Körper bekommt die Information, dass hier nichts lauert.
  • Wir laden sie ein wahrzunehmen, was im Körper passiert, wenn ein Gespräch stockt und nichts Schlimmes geschieht. Diese Sekunden sind oft wertvoller als jede Deutung.
  • Wir lassen kleine Missverständnisse in der Beziehung zu und reparieren sie sichtbar. Für ein Eierschalen-Kind ist ein schlichtes „Da habe ich Sie falsch verstanden, das tut mir leid“ manchmal die erste Erfahrung, dass eine Beziehung einen Riss aushält.
  • Und wir achten darauf, dass Entspannung nicht zum nächsten Leistungsziel wird. Das Ziel ist nicht Ruhe, sondern Schwingungsfähigkeit: aufgeregt sein dürfen und wieder zurückfinden.

All das funktioniert nur, wenn wir selbst schwingungsfähig sind, und hier schließt sich der Kreis zur unbequemen Frage vom Anfang. Unsere eigene Geschichte ist kein Hindernis für diese Arbeit. Sie ist aber ein Faktor im Raum, ob wir das wollen oder nicht. Die wirksamste Intervention bei einer hypervigilanten Klientin ist manchmal, dass unser eigenes inneres Tier nicht mit auf die Suche nach Gefahrensignalen geht. Dafür braucht es mehr als Wissen. Es braucht unsere eigene, immer wieder erneuerte Erfahrung von Sicherheit, in Supervision, in Selbsterfahrung und in einem Körper, den wir gut kennen.

Mir bei der Arbeit über die Schulter schauen

Wie diese Arbeit konkret aussieht, lässt sich schwer beschreiben und leicht zeigen. Ich habe deshalb Sitzungen aufgezeichnet, in denen ich mit Klientinnen und Klienten arbeite, Schritt für Schritt von der Orientierung bis zur Integration. Damit hast du die Chance, mir bei der Arbeit über die Schulter zu schauen, kostenfrei und unverbindlich: Link zur unverbindlichen Anmeldung für die Mini-Fortbildung

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