Der erste Eindruck zählt

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Transkript

Hallo! Herzlich willkommen zu Deiner Videoserie, zu Deinem Lehrgang für Therapeuten, Pädagogen und andere fachlich interessierte Menschen über den Umgang mit traumatisierten Menschen.
Wir fangen heute eine Reise an, die aus zehn Teilen besteht. Ich hoffe, ich kann Dir Informationen und Anregungen geben für Deine Arbeit, um Dir diese damit einfacher zu machen und Dir ein besseres Verständnis für das Thema zu vermitteln. Und natürlich hoffe ich auch, dass Du danach Lust hast, mehr und weiter mit mir zusammenzuarbeiten, bei mir Fortbildung zu machen oder den Onlinekurs für Therapeut*innen zu belegen, was auch immer. Ansonsten freue ich mich einfach, einen Beitrag zu leisten, weil ich das Thema wahnsinnig wichtig finde und denke, dass es einen ungeheuren Einfluss auf die Welt und auf unseren Umgang mit der Erde hat, wie Menschen traumatisiert sind.

Wenn jemand durch die Tür kommt, checken wir uns erst einmal ab. Dieses Abchecken ist immer gegenseitig.
Wir vergessen als Therapeuten oft, dass auch wir einen ersten Eindruck vermitteln, und dass wir mit diesem Ersttelefonat oder -kontakt, mit dem Erstgespräch die Bühne bereiten für das, was später kommt, wie wir mit den Menschen arbeiten, mit ihnen umgehen: Siezt Ihr Euch, duzt Ihr Euch und so weiter.

Wenn jemand in Deinen Raum kommt, musst Du Dir darüber klar sein, dass rein evolutionär und biologisch Du jemanden in Deinem Raum empfängst, das heißt, das ist für die andere Person immer ein Unsicherheitsfaktor.
Man geht in eine fremde Höhle, das macht uns schon einmal per se unsicher. Wir wissen noch nicht: Welche Regeln gelten da, wer erwartet uns, wie geht die Person mit uns um?
Das andere, das wir oft nicht bedenken, macht für mich Zweiertherapie immer auch schwierig auf einer bestimmten Ebene, vor allem mit hochtraumatisierten Menschen: Allein, wenn die Tür zugeht und ich zu zweit bin mit der Person, ist das für unser Unbewusstes zwar auf beiden Seiten, aber vor allem für den Klienten, der in meiner Höhle ist, ein Alarmsignal.
Menschen, die von Menschen traumatisiert wurden, und das muss uns einfach klar sein, haben genau diese Ausgangssituation gehabt, als sie traumatisiert wurden: zu zweit, wahrscheinlich allein, in einem Raum, der abgeschlossen war – nicht im Sinne eines umgedrehten Schlüssels, sondern insofern, dass es keine Zeugen gab und niemand anderes da war. Und das heißt, auf der Ebene der Neurozeption wird Alarm gemeldet. Das ist die Wahrnehmungsebene des Stammhirns, die immer, vierundzwanzig Stunden am Tag, angeschaltet ist. Dann funktionieren wir auf zwei Ebenen. Das Bewusstsein sagt, es ist eigentlich alles okay, easy und wir machen das schon. Und das Unbewusste, unsere tieferen Hirnteile sagen: „Hab Acht.“

Was können wir tun, wenn wir jemanden in unseren Raum einladen, um das Stammhirn ein bisschen zu beruhigen? Das Erste ist, unsere Klienten auswählen zu lassen, wo sie sitzen möchten. Das erscheint völlig banal, ist es aber nicht, weil jeder von uns eine ungeschütztere, gefährlichere und eine sicherere Seite hat. Allein durch die Sitzposition kann es sein, dass Du als Therapeutin oder Therapeut schon mit einer negativen Übertragung bedacht wirst, weil Du auf der gefährlicheren Seite sitzt. Ein Mensch, der schon einmal angegriffen worden ist, hat oft diese Seiten, die sich sehr unterschiedlich anfühlen. Vielleicht kennst Du das von Dir selbst auch, und im Therapieraum manifestiert sich das dann unter Umständen. Das heißt: Biete Klient*innen die Freiheit, sich selbst den Sitz auszusuchen, damit sie sich den für sie oder ihn sichereren Platz suchen. Das bringt schon einmal ein bisschen Beruhigung ins System.

Das Andere, was ich noch sehr wichtig finde, ist, sich Zeit zu nehmen und den Klienten dazu aufzufordern, auszuatmen, sich umzuschauen und mit ein bisschen Plauderei, vielleicht über den Raum oder ein Bild, das Du aufgehängt hast, den Klienten zu zwingen, sich ein bisschen im Raum zu orientieren.
Die meisten Klienten, die hereinkommen, bekommen einen Tunnelblick, sehen eigentlich nur Dich, nehmen den Raum nicht mehr wahr und sitzen da wie das Kaninchen vor der Schlange. Das erzeugt wiederum sehr viel Spannung und versetzt das System, das meistens sowieso schon in Alarmbereitschaft ist, noch mehr in diesen Zustand. Menschen wirken dann oft sehr konzentriert, in Wirklichkeit sind sie aber eingetunnelt und fast starr vor Stress. Dazu gehört, ab und zu den Augenkontakt zu lösen und den Leuten gelegentlich Ruhe zu lassen vom ständigen Angesehenwerden, auch Dir selbst den Raum zu geben, darauf zu achten, dass Du richtig atmest, Dich immer wieder entspannst und diesen Raum energetisch freigibst.

Das ist der Anfang, den Ihr macht, und dann schaust Du natürlich schon beim Hereinkommen, ob Dir jemand ins Gesicht schauen kann, wie er Dir die Hand gibt oder ob er das gar nicht erst tut, weil das schon zu viel ist, wie geht also jemand in einen Raum, wie nimmt er Kontakt auf, all das sind wichtige Faktoren.

Was dann kommt, ist meistens, dass Klient*innen erzählen, weshalb sie da sind. Ich persönlich finde es gut, erst einmal ein bisschen Smalltalk zu machen, und dann wirklich zu betonen, dass man am Anfang gar nicht die ganze Geschichte wissen muss, sondern eher hören möchte, was die Probleme heute sind, weil das viel relevanter ist. Letztendlich, wenn Du ein bisschen Erfahrung hast, kannst Du aus dem, womit sie heute Probleme haben, rückschließen, wie ihre Geschichte war. Außerdem ist es für die meisten Menschen viel entspannter, erst einmal heute anzufangen, also worum es geht und wo momentan die Probleme liegen. Dann wirst Du merken, wie jemand erzählt, was jemand erzählt, was die Themen sind, und daraus wirst Du sicherlich schon einige Rückschlüsse ziehen können. Das, was wir geboten bekommen, ist letztendlich ein Sammelsurium an Symptomen, und unsere Aufgabe ist es, daraus zu schließen, was die Grundlage dessen ist und worauf all das beruht.

Wenn wir das erkannt haben, dann würde ich Dich immer auffordern wollen, das Deinen Klienten zu spiegeln, also zu zeigen, was hinter dem Bild ist, das Du von den Klienten gezeigt bekommst. Es gibt im Marketing einen Satz, den ich sehr spannend finde, weil er ganz allgemeinmenschlich gültig ist, und zwar: „Wenn mir jemand mein Problem besser beschreiben kann als ich selbst, dann gehe ich davon aus, dass er auch die Lösung dafür hat.“ Was ich persönlich am Ende einer Stunde mache, ist also, die Themen zu nennen, die ich wahrnehme und meistens ein Stück tiefer gehen als die Symptome, die ich geschildert bekommen habe. Ich versuche, den Kontakt zum Klienten und dieser tieferen Ebene zu bekommen, zu der Einsamkeit, die vielleicht dahinterliegt, dem Gefühl, eingeschlossen zu sein, alles alleine machen zu müssen, oder was ich auch immer für das eigentliche Thema halte. Das versuche ich zu beschreiben, lege es als Idee in die Mitte – nicht als Diagnose, sondern als Vorschlag – und schaue dann, was ich für eine Resonanz erhalte. Wenn darauf diese Resonanz kommt, sind Leute häufig tief berührt, denn unsere größte Sehnsucht und unsere größte Angst ist, sich gefühlt und wahrgenommen zu fühlen. Wenn Du das hinbekommst, hast Du bereits einen Riesenschritt in Richtung Beziehung und Vertrauen gemeistert: Ich fühle mich gesehen von Dir, nicht bewertet und diagnostiziert. Und andersherum: Das ist, was ich sehe, und ich würde Dich gerne dabei begleiten, oder vielleicht auch nicht, vielleicht muss ich sagen, nein, das klappt mit uns nicht, ich bin nicht die Richtige oder was auch immer, aber wenn ich jemanden sympathisch finde und denke, ja, das ist ein guter Fit, dann hilft es, zu sagen, was mein Eindruck ist, was mich daran bewegt, berührt, was ich denke, was es sein könnte, um den Klienten auf einer tieferen Ebene zu berühren und mit ins Boot zu bekommen.

Das andere, das Du dadurch erfährst, ist, wenn Du den Klienten aus seiner Sichtweise vollkommen falsch erfasst. Dann gibt es keine Arbeitsgrundlage, denn niemand kann seine Wahrnehmung einfach abstellen. Wenn meine Wahrnehmung sich nicht oder kaum mit der deckt, die die Person von sich selbst hat, dann können wir nicht konstruktiv miteinander arbeiten, weil sich dann immer jemand falsch verstanden fühlt, falsch gesehen, falsch interpretiert und so weiter. Deswegen kann ich danach schon sagen, ob wir zusammenpassen und ob das ein gutes Arbeitsverhältnis wird. Das ist erst einmal meine Empfehlung.

Das nächste Mal sehen wir uns an, was für verschiedene Traumata es gibt und was diese für eine Bedeutung für unsere Arbeit haben. Ich hoffe, es war ein bisschen interessant und bis zum nächsten Mal erst einmal tschüs, Dami.

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