Therapeutische Schulen haben lange gelehrt: Wir sollen neutral sein. Nicht urteilen. Uns heraushalten. Doch was, wenn diese Neutralität verletzend wird? Wenn sie sich für den Klienten oder die Klientin wie ein erneuter Verrat anfühlt?
Wenn wir mit Menschen arbeiten, die als Kinder emotional verletzt, entwertet, missbraucht oder übersehen wurden, stehen wir nicht nur vor individuellen Lebensgeschichten. Wir stehen oft vor einer jahrhundertealten Kultur der Verleugnung und Beschönigung. Und manchmal – ohne es zu merken – stehen wir auch auf der falschen Seite.
Trauma ist immer auch Verrat
Gerade traumatisierte Menschen haben oft gelernt, ihre Wahrnehmung infrage zu stellen. Sie wurden beschwichtigt, beschämt, korrigiert.
Wenn wir ihnen heute nicht glauben, wenn wir relativieren oder „andere Perspektiven einnehmen“, dann wiederholen wir das, was sie von klein auf kannten: Dass sie sich nicht sicher sein dürfen, ob ihr Erleben Gewicht hat, dass es keine Bedeutung hat, wie sie sich fühlen.
Neutralität kann zum Verrat werden.
Der Mut zur Parteilichkeit
“Many people suffer all their lives from this oppressive feeling of guilt, the sense of not having lived up to their parent’s expectations. This feeling is stronger than any intellectual insight they might have, that it is not a child’s task or duty to satisfy his parent’s needs.”
― Alice Miller, The Drama of the Gifted Child: The Search for the True Self
Alice Miller war meines Wissens die erste Therapeutin, die klar angesprochen hat, dass wir als Therapeuten nicht die Eltern unserer Klienten schützen und uns außerdem mit unseren eigenen inneren Überzeugungen auseinandersetzen sollten, die wir zum Thema Eltern mit uns herumtragen.
Sie hat in ihren Büchern eindringlich gezeigt, wie wichtig es ist, das Kind im Menschen zu würdigen – und nicht reflexhaft die „Verständnisbrille“ für die Eltern aufzusetzen. Denn viele ihrer Klienten litten gerade darunter, dass nie jemand wirklich Partei für sie ergriffen hatte.
Das bedeutet überhaupt nicht, dass wir Eltern als „böse“ einordnen sollen. Aber es bedeutet, die Realität unserer Klienten ernst zu nehmen – und nicht in einen therapeutischen Reflex zu verfallen, der sie zurück in Schuldgefühle, Verständnis oder Versöhnungsdruck drängt.
Verständnis für die Eltern bedeutet oft Unverständnis für sich selbst
Im inneren Erleben von Kindern haben sie immer selbst die Schuld an der Art und Weise, wie sie behandelt werden. Kinder sind nicht fähig, das Verhalten ihrer Eltern zu reflektieren und infrage zu stellen. Außerdem sind die Umstände, in denen sie aufwachsen, für sie meist „normal“.
Viele verbringen ihr ganzes Leben mit der Idee: “Wenn ich nur herausfinde, wie ich sein muss, dann werde ich geliebt.“ Es ist die Hoffnung, dass es einen Schlüssel zur elterlichen Liebe gibt. Diese Hoffnung bindet manche Menschen ihr Leben lang an ihre Eltern, obwohl dort bis heute nur Unverständnis und Schmerz auf sie warten.
Wir müssen verstehen, dass uns als Menschen nichts mehr bindet als das, was wir nicht bekommen. Es braucht sehr viel Reife und Verständnis für sich selbst, um Hoffnung loszulassen und zu sehen, dass es dort keine Liebe gibt. Und auch, dass es diesen Schlüssel nicht gibt.
Leider wird in unserer Kultur Verständnis für andere oft so verstanden, dass die eigenen Gefühle und die eigenen Schmerzen keinen Raum mehr haben dürfen. Dies ist ein Entweder-oder-Denken. Wenn ich dich verstehe, dann darf ich mich nicht mehr verstehen.
Viele von uns, auch Therapeutinnen und Therapeuten haben den Entwicklungsschritt, in dem es um das „und“ geht, nicht gut durchlaufen. In diesem Entwicklungsschritt lernen wir, dass zwei (oder mehr) Dinge, Gefühle, Ansichten nebeneinander existieren können. Sie sind nicht ausschließend, sondern koexistent.
„Ich bin wütend auf dich und ich liebe dich“, ist zum Beispiel ein wichtiger Lernschritt, den Kinder praktizieren. Wenn Eltern allerdings ablehnend darauf reagieren, lernen Kinder, dass sie nicht wütend sein dürfen, da ihre Liebe sonst nicht mehr gesehen oder gewollt wird.
Alte Dogmen und ihre blinden Flecken
Viele von uns wurden ausgebildet in einer therapeutischen Tradition, die geprägt war von
- Symmetrischer Betrachtung (z. B. systemische Sicht: „alle tragen etwas bei“)
- Beziehungserhalt um jeden Preis
- Kultur der Versöhnung und Vergebung
Diese Ideen können hilfreich sein – aber sie dürfen nicht zum Dogma werden.
Wenn wir sie unreflektiert anwenden, erzeugen wir Druck, wo eigentlich Schutz nötig wäre.
Wir setzen eine falsche Norm: Dass Beziehung immer erhalten bleiben sollte. Dass Kontakt immer besser sei als kein Kontakt. Dass Vergebung eine Reifeleistung sei.
Letztlich führen wir die Tradition weiter: „Du sollst Vater und Mutter ehren“ und „Eltern verdienen Respekt, einfach weil es Eltern sind“. In einigen Therapierichtungen schlägt sich das darin nieder, dass für Verständnis für die Eltern „geworben“ wird.
In diesen Leitlinien fehlt das Erleben des Kindes. Es fehlt die Anerkennung des Schmerzes und des Leidens. Eines Leidens, das oft das ganze Leben beeinflusst und eine lange Spur hinterlässt.
Die wichtigste Person, für die wir Verständnis haben sollten, ist unsere Klientin, unser Klient.
Was unsere Klienten wirklich brauchen
- Ein sicheres Gegenüber, das an ihrer Seite steht – nicht dazwischen.
- Einen Raum, in dem ihre Wahrheit gelten darf, auch wenn sie unbequem ist.
- Die Erlaubnis, die Eltern innerlich loszulassen, wenn das der heilsame Weg ist.
- Unterstützung darin, die eigenen Bedürfnisse zu fühlen – jenseits kultureller oder familiärer Loyalitäten.
Unsere Aufgabe ist es nicht, zu versöhnen. Unsere Aufgabe ist es, das Erlebte zu würdigen – auch wenn es schmerzhaft, wütend oder anklagend ist. Denn durch das Ernstnehmen des Schmerzes kann Heilung beginnen.
Es ist wichtig,
- zwischen Loslassen und Vergeben zu unterscheiden.
- irgendwann im therapeutischen Prozess anzuschauen, ob es langsam möglich ist, die Vergangenheit in die Vergangenheit zu entlassen.
- zu schauen, ob sich Klienten in einer Identifizierung mit ihrem Trauma, ihrem Schmerz verfangen haben und nicht wirklich wissen, wer sie sein könnten, wenn sie sich nicht mehr damit identifizieren.
Für uns alle gilt: Unsere Geschichte ist unsere Geschichte, sie wird sich niemals ändern. Aber wir können uns ändern und eine neue Geschichte in der Zukunft aufbauen.
Unsere Aufgabe als Therapeutinnen und Therapeuten ist es, unsere Klienten darin zu begleiten, sich selbst neu zu sehen und andere Perspektiven zu gewinnen. Dafür ist es irgendwann wichtig, sich von den Eltern und dem, was gewesen ist, loszulösen und sich sich selbst und den eigenen Wünschen und Zukunftsvisionen zuzuwenden.
Doch dieser Prozess setzt voraus, dass viel Heilung und Verständnis vorausgegangen sind. Es setzt voraus, dass unsere Klientinnen sich selbst verziehen haben, was ihnen angetan wurde. Dass sie die Verantwortung für ihre Eltern loslassen und an diese zurückgeben.
Orientieren wir unsere Klienten zu früh in Richtung loslassen, dann verraten wir erneut ihren Schmerz. Solange der Schmerz kein Zuhause gefunden hat, wirkt er zerstörerisch im Leben von Menschen – in ihnen selbst und oft auch gegenüber anderen.
Einladung zur Selbstreflexion
Vielleicht magst du dir für deine Arbeit folgende Fragen stellen:
- Wo habe ich vielleicht selbst noch innere Loyalitäten, die mich in meiner Arbeit beeinflussen?
- Wann merke ich, dass ich mich „für die Eltern“ rechtfertige – innerlich oder nach außen?
- Wo wünsche ich mir Mut, klarer Partei zu ergreifen?
- Welche Prägungen aus meiner Ausbildung (oder Biografie) hindern mich daran, ganz für den Klienten da zu sein?
Haltung statt Technik
Die wichtigste Kompetenz in der Arbeit mit frühen Verletzungen ist nicht das perfekte Handwerkszeug. Es ist unsere innere Haltung:
- Haben wir den Mut, das volle Ausmaß der Qual unserer Klientinnen zu sehen?
- Erlauben wir uns, an der Seite unserer Klienten zu stehen?
- Können wir den Schmerz unserer Klientinnen aushalten, ohne eine Lösung zu finden oder sie in einen anderen Zustand bringen zu wollen?
Wenn wir uns erlauben, dem Schmerz einen Raum zu geben und unsere Klienten damit da sein lassen zu können, wenn wir nicht beschwichtigen und auch unsere Klientinnen daran hindern, es zu tun, dann kann Trauer entstehen. Trauer ist eine der wichtigsten Schritte im Prozess, denn ohne Trauer kann nichts wirklich enden. Die Trauer beinhaltet oft ein Loslassen der Hoffnung. Ein Verständnis für die eigene Ohnmacht als Kind und für den Verrat an der eigenen Liebe und Unschuld.
Trauer möchte einfach bezeugt werden, liebevoll gehalten und nicht getröstet. Trösten zeigt meinem Gegenüber, dass die Trauer und der Schmerz möglichst schnell vorbeigehen sollen. Eine innere Haltung des loyalen Bezeugens hilft unseren Klientinnen und Klienten, mit sich selbst zu sein und sich selbst treu zu bleiben. Dann wird Veränderung langsam möglich.
Interessiert es dich, so mit Menschen zu arbeiten? In meiner Onlinefortbildung „Frühe Verletzungen und Entwicklungstrauma erkennen und heilen“ lernst du umfassend, wie du mit deinen KlientInnen mehr Beziehung und Sicherheit herstellen kannst.
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