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Beziehung und Sicherheit in der Therapie

04.03.2019

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Transkript

Beziehung und Sicherheit in der Therapie

Hallo, willkommen zurück zu unserer Serie für Therapeuten und Pädagogen und andere Interessierte. Heute möchte ich noch einmal zum Thema Beziehung und Sicherheit zurückgehen. Das sind zwei grundlegende Themen in der Therapie, eigentlich die grundlegenden Themen, denn wenn diese nicht funktionieren oder sich im therapeutischen Prozess nicht manifestieren, dann funktioniert auch der Rest nicht. Wir reden vielleicht viel, aber es wird nichts Grundlegendes passieren, weil die Klienten heimlich in einer Habachtposition bleiben und sich nicht wirklich einlassen.

Menschen verändern sich mit am besten durch Beziehungen, am besten sogar durch die Liebe. Wie Daniel Siegel sagt: Therapie ist eine Liebesbeziehung auf Zeit ohne Sexualität. Das finde ich sehr schön, weil es die Qualität dieser Arbeit gut ausdrückt. Wenn wir die Liebe für die Person, die vor uns sitzt, nicht haben, ist es für diese unglaublich schwierig, sich selbst mögen zu lernen. Ich glaube inzwischen, dass das hehre Ziel, das wir haben können, ist, Freundschaft mit uns selbst zu erlangen; dass wir wirklich ankommen in einem Frieden mit uns selbst, mit den Macken, die wir haben, denn letztendlich bleiben wir, wer wir sind. Wir verändern uns in kleinen Dosen. Immer, wenn ich gedacht habe, ich hätte Riesenschritte gemacht, habe ich erkennen müssen, dass diese für andere Menschen kaum eine Bedeutung hatten, dass sie diese kaum an mir wahrgenommen haben. Deswegen habe ich irgendwann gesagt, ich sehe es ein, ein großer Schritt für Dami, ein kleiner Schritt für die Menschheit.

Das heißt, wir möchten Menschen zu Selbstakzeptanz und Frieden begleiten, das können wir aber nur, wenn wir ihnen zeigen, dass wir sie mögen, wie sie sind, und dass sie wertvoll sind, wie sie sind, und nicht immer die Idee von „So musst du werden“ haben. Es gibt dazu spannende Untersuchungen in der Körpertherapie, eher in Hands On, in denen man den Entspannungszustand gemessen hat, in den Klienten kommen können, und festgestellt hat, je intentionaler der Therapeut ist, desto weniger passiert in der Stunde und desto weniger entspannen sich die Klienten. Das heißt, je intentionaler unsere Idee „Ich will dir helfen“, desto weniger passiert auf der anderen Seite.

Dabei befinden wir uns in einem Paradox, denn natürlich kommen Menschen zu mir, weil sie in Not sind und nicht, weil sie Spaß daran haben und weil sie gerne Hilfe haben möchten. Gleichzeitig schreckt uns jemand ab, der uns helfen will – außer wir sind gestürzt und uns hilft jemand auf, und selbst da wehren viele Menschen ab, weil ich allein durch die Idee etwas wie ein Oben-Unten installiere.

Wenn ich Retter sein möchte, brauche ich gemäß dem Dreieck Retter-Täter-Opfer ein Opfer. Das macht es etwas tricky. Einerseits brauche ich ein Gefühl von einer Idee, wo wir gemeinsam hingehen können, aber ich muss immer wieder überprüfen, welche Intention ich habe, welche Befriedigung ich daraus ziehe, wo jemand hingehen soll, ob ich sonst mit mir unzufrieden bin etc. All das sind Dinge, die ich mich fragen muss, weil sie mitten im Raum stehen und Menschen diese bemerken. Sie bemerken, mit welcher Intention ich etwas sage, mit welcher Intention ich da bin, und deshalb ist es wichtig, uns immer wieder zu fragen, wie wir da sind, denn sonst wird Beziehung verhindert.

Beziehung muss immer auf beiden Seiten stattfinden, es gibt keine gute Beziehung, die eindimensional ist. Lisbeth Marcher von Bodynamic Institut spricht deshalb von Mutual Connection, also einer beidseitigen Verbindung, die wir eingehen. Unsere Klienten lesen uns sowieso, also befreie Dich von der Idee, dass Du ein leeres Blatt bleibst, während Du Deine Klienten gut kennenlernst. Diese lernen Dich auch kennen, auch wenn Du vielleicht gar nichts über Dich erzählt. Wir sind eine einzige Sprechblase, selbst, wenn wir nur dasitzen und schweigen.

Je mehr ich präsent sein kann, ohne zu werten und ohne Intention, jemanden retten und ihm unbedingt helfen zu wollen, sondern mit der, ihn begleiten zu wollen, desto mehr Spannung geht aus dem Raum. Wie entsteht also Sicherheit in Menschen? Wenn Sicherheit hergestellt ist, entspannen wir uns physiologisch, wir können anders in Kontakt treten, vor allem auch mit uns selbst; je gestresster ich bin, desto weniger Zugang habe ich zu mir, zu meinem Körper, aber auch selbstreflektorische Prozesse sind sehr schwierig, wenn ich mich gestresst fühle. Je sicherer ich mich fühle, desto besser kann ich bei mir landen, deshalb ist es so wichtig, sich darum zu kümmern.

Sicherheit entsteht bei Menschen durch Beziehung, und da beißt sich die Katze in den Schwanz: viele unserer Klienten haben Angst vor Beziehung und Nähe, weswegen sie genau das vermeiden, was ihnen Sicherheit geben würde. Das ist das Paradox, um das wir uns bewegen müssen. Wenn ich bemerke, dass ein Klient sehr misstrauisch ist, kann ich das offen aussprechen und ihn vor allem am Anfang unserer Beziehung ermuntern, misstrauisch zu sein, und ihm zu sagen, dass er alles Recht dazu hat. Er kennt mich nicht, er ist mit mir alleine in einem Raum, und das ist ziemlich befremdlich. Er soll also misstrauisch sein, mich abchecken, nach Signalen suchen, ob ich ihm irgendetwas will, dazu hat er alles Recht der Welt. Das ist etwas, das es dem anderen erleichtert, dahin zu fühlen, erleichtert checken zu dürfen, ohne sich schlecht fühlen zu müssen, weil viele Klienten denken, sie müssten in einer Therapie sofort voller Vertrauen sein. Das müssen sie natürlich nicht, warum sollten sie.

Alles, was beziehungsförderlich ist, sollte ich also machen, auch von mir erzählen und von meiner eigenen Erfahrung, wenn das beziehungsfördernd ist. Dabei fällt uns kein Zacken aus der Krone. Mach Dich menschlich, sei auf einer menschlichen Ebene da. Vor allem, wenn Du mit früh traumatisierten Menschen arbeiten möchtest, kann ich Dir nur empfehlen, ein Stück Deiner Rolle abzulegen und als professioneller Mensch dazusitzen. Alle früh traumatisierten Menschen oder Frühchen, wie ich sie nenne, blicken sofort durch eine Rolle hindurch, sie begreifen sofort, was echt ist und was nicht. Deshalb sind sie oft sehr unglücklich in Therapien, weil sie eigentlich eine Beziehung brauchen, eine echte Beziehung, nämlich die, die sie damals nicht bekommen haben, und das bedeutet, dass sie immer auf der Suche nach dieser Begegnung, diesem Ankommen bleiben. Es ist wunderbar, wenn Du ihnen das gibst, und damit kannst du viel Ruhe in das System bringen, in das Deiner Klienten und auch in Dein eigenes.

Wichtig ist außerdem, dass auch Du reguliert bleibst, dass Du auf Deinen Atem achtest, Dich in Dir immer wieder zurücksetzt, damit der Raum freier wird und Du energetisch nicht in Deinen Klienten hineinkriechst. Augenkontakt macht normalerweise auch sicher, ist aber für manche Klienten bereits ein Angriff, was heißt, dass ich den Blick immer mal wieder wegnehmen muss, um Ruhe hineinzubringen und jemandem zu ermöglichen, sich zu entspannen und wiederzukommen. Beobachte, wie jemand das für sich reguliert und übe mit jemandem, im Hier und Jetzt zu arbeiten und über das Hier und Jetzt zu sprechen. Humor ist hilfreich, all diese Dinge helfen, um Sicherheit in diesen Raum und diese Beziehung zu bringen. Je mehr Du da hinein investierst, desto einfacher und leichter werden alle anderen Schritte werden.

So weit für heute, Dir einen schönen Tag noch und bis zum nächsten Mal, tschüs.

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