Über die Grenzen der Gesprächstherapie bei frühen Bindungsverletzungen
Ein Plädoyer für ein erweitertes Verständnis von Trauma – und für die Demut zu wissen, was wir nicht erreichen können.
Wir bekommen immer und immer wieder Mails von Menschen, die seit Jahren in Therapie sind. Die schon so viel ausprobiert haben und dennoch das Gefühl haben, festzuhängen. Am traurigsten machen mich die Geschichten, wo diese Menschen erklären, sie seien für Therapieresistent erklärt worden.
Therapieresistent. Du bist der Fehler.
Das nimmt Menschen alle Hoffnung.
Es ist ein Satz, den wir als Therapeutinnen nie in den Mund nehmen dürfen. Wir dürfen nur sagen: „Ich kann dir nicht weiterhelfen.“
Wir alle kennen solche Menschen. Sie sitzen uns gegenüber, verstehen alles – und ändern sich trotzdem nicht wesentlich. Ich möchte heute eine andere Perspektive anbieten: Vielleicht liegt das Problem nicht am Klienten. Vielleicht liegt es daran, dass wir mit den falschen Werkzeugen an der falschen Stelle arbeiten.
Die Grenzen des Gesprächs
Die meisten von uns wurden in Therapieformen ausgebildet, die primär mit Sprache arbeiten. Mit Narrativen. Mit dem Verstehen. Das ist sinnvoll – für vieles.
Aber was, wenn die prägenden Erfahrungen aus einer Zeit stammen, in der der Klient noch keine Sprache hatte? Noch kein kohärentes Selbst? Noch nicht einmal ein »Ich«, das sich erinnern könnte?
Wilhelm Reich hat das vor 90 Jahren verstanden. Die Körperpsychotherapie arbeitet seit Jahrzehnten damit. Und Allan Schore und Daniel Siegel u.a. haben in den letzten drei Dekaden die neurowissenschaftliche Grundlage dafür geliefert. Ich würde mir wünschen, dass das in der breiteren therapeutischen Praxis ernst genommen wird.
Wenn die Grundfrage des Lebens unbeantwortet bleibt
Kommen wir auf die Welt, so müssen wir uns willkommen, sicher und behütet fühlen. Wir brauchen die Augen und den Körperkontakt unserer Mutter, damit wir in dieser Welt ankommen können mit dem Gefühl: Ich bin in Ordnung. Ich bin sicher. Ich bin willkommen.
Die entwicklungspsychologische Grundfrage dieser Phase lautet: Darf ich existieren? Bin ich willkommen?
Wenn diese Frage nicht mit einem ausreichenden Ja beantwortet wird – durch Präsenz, Körperkontakt, die affektive Verfügbarkeit der primären Bezugsperson – dann entsteht keine solide Basis für alles Weitere.
Das »Ja« zur Existenz ist kein kognitives Konzept. Es ist eine körperlich-affektive Erfahrung: Ich werde gehalten. Ich werde gesehen. Mein Dasein löst Freude aus. Wenn das fehlt, entwickelt das System eine charakteristische Anpassung: Rückzug. Aus dem Körper. Aus dem Kontakt. Aus der vollen Präsenz im Leben.
Was wir im Körper sehen können
Menschen, die diese frühe Erfahrung von Willkommen und Sicherheit nicht machen konnten reagieren mit einem für sie sehr typischen Muster darauf. Sie tragen ihre Geschichte in ihrem Körper und ihrer Psyche, ohne überhaupt zu wissen, was damals passiert ist. Meiner Erfahrung nach zeigen sich dabei immer wieder ähnliche Muster:
- Energetisch: Rückzug der Energie nach innen und oben, kalte Peripherie (Hände, Füße), flache thorakale Atmung, wenig Erdung. Oftmals kalte Hände und Füße
- Psychisch: sich fremd und anders fühlen. Schwierigkeiten mit Freude und Expansion. Oft sehr kopfig und intelligent.
- Perzeptiv: Verminderte Interozeption, Dissoziation als habitueller Zustand, Schwierigkeiten, im Körper »zu Hause« zu sein.
Diese Muster sind keine Symptome, die man wegmachen muss. Sie sind Überlebensstrategien. Der Körper hat gelernt: Nicht ganz hier sein ist sicherer als ganz hier sein.
Das ist keine Pathologie. Das ist Intelligenz.
Wenn du mit diesen Mustern arbeiten können möchtest, trag dich hier ein für meine kostenfreie und unverbindliche Mini-Fortbildung.
Was die Neurowissenschaft uns sagt
Linke und rechte Hemisphäre
Allan Schore und Daniel Siegel unterscheiden klar zwischen den Funktionen der beiden Gehirnhälften: Die linke Hemisphäre – Sprache, Logik, explizites Gedächtnis – entwickelt sich erst ab etwa 18 Monaten. Die rechte Hemisphäre hingegen ist dominant in den ersten zwei bis drei Lebensjahren. Sie verarbeitet Affekte, Körperwahrnehmung, Beziehungsregulation. Implizit. Nonverbal. Ohne bewussten Zugang.
Frühe Beziehungserfahrungen werden also primär in der rechten Hemisphäre encodiert. Im prozeduralen Gedächtnis. Im Körper. Das implizite Gedächtnis speichert keine autobiografischen Narrative. Es speichert Zustände, Erwartungen, Muster: Wie fühlt sich Nähe an? Ist die Welt sicher? Bin ich willkommen?
Diese »Antworten« sind nicht bewusst zugänglich. Der Klient weiß nicht, dass er sie hat. Er erlebt sie als: »So ist die Realität eben.«
Right Brain to Right Brain
Schore beschreibt therapeutische Veränderung bei frühem Trauma als »right brain to right brain communication« – eine Kommunikation, die primär nonverbal stattfindet. Durch Präsenz. Durch Körperspannung und -haltung. Durch Stimmmelodie. Durch Timing und Rhythmus.
Der Klient liest – meist unbewusst – die rechte Hemisphäre des Therapeuten. Bist du wirklich da? Bist du sicher? Hältst du mich aus?
Das bedeutet: Unsere eigene Verkörperung wirkt – ob wir das wollen oder nicht.
Was das für unsere Praxis bedeutet
1. Erkennen, wann wir an unsere Grenzen stoßen
Nicht jeder »schwierige« Klient hat eine Persönlichkeitsstörung. Manche tragen schlicht Verletzungen, die mit Gespräch nicht erreichbar sind.
Hinweise auf frühe Thematiken:
- Chronisches Gefühl von Nicht-Zugehörigkeit
- Dissoziative Tendenzen
- Schwierigkeiten mit Körperwahrnehmung
- Oszillieren zwischen Verschmelzungswunsch und Kontaktabbruch
- Das Gefühl, »irgendwie nicht richtig da zu sein«
- Therapie, die trotz echtem Engagement nicht greift
2. Die Beziehung als Intervention verstehen
Bei frühem Trauma ist die therapeutische Beziehung nicht der Rahmen für die Intervention. Sie ist die Intervention.
Das bedeutet konkret: Unsere eigene Regulation ist zentral. Unsere körperliche Präsenz wirkt. Unser implizites Material wird vom Klienten gelesen. Wir brauchen eigene Körperarbeit und Supervision – nicht als Luxus, sondern als professionelle Notwendigkeit.
3. Tempo radikal anpassen
Menschen mit früher Existenz-Verletzung brauchen ein anderes Tempo. Ein Blickkontakt kann zu viel sein. Eine Deutung kann überwältigend sein. »Ich sehe dich« kann Panik auslösen.
Das ist keine Überempfindlichkeit. Das ist ein System, das gelernt hat: Gesehen werden ist gefährlich.
Unsere Ungeduld – auch die wohlmeinende – wird gefühlt und als Bestätigung erlebt: Ich bin zu langsam. Ich bin zu viel. Ich bin falsch.
4. Den Körper einbeziehen
Veränderung bei frühem Trauma passiert nicht primär durch Einsicht. Sie passiert durch neue körperlich-affektive Erfahrung.
Das muss keine vollständige Körperpsychotherapie-Ausbildung bedeuten. Aber es bedeutet: Den Körper des Klienten wahrnehmen. Körperliche Resonanz als Information nutzen. Einfache somatische Interventionen kennen (Erdung, Orientierung, Atmung). Und wissen, wann es Zeit ist, weiterzuverweisen.
5. Die eigenen Grenzen anerkennen
Nicht jede/r von uns kann oder will mit frühem Trauma arbeiten. Das ist legitim.
Was nicht legitim ist: Menschen jahrelang in einer Therapie zu halten, die strukturell nicht erreichen kann, was erreicht werden müsste – und ihnen dann die Schuld zu geben. Wenn klassische Gesprächstherapie nach angemessener Zeit nicht greift, ist die ethische Frage: Weitermachen oder weiterverweisen?
Die Haltung, die es braucht
Arbeit mit frühen Strukturen erfordert eine spezifische therapeutische Haltung. Ich möchte das nicht als Checkliste formulieren, sondern als das, was es wirklich ist: eine innere Einstellung.
- Geduld – echte, nicht performte. Diese Menschen spüren, wenn wir innerlich drängeln.
- Demut – vor der Tiefe dessen, was sie tragen. Vor der Kreativität ihrer Überlebensstrategien. Vor dem, was wir (noch) nicht verstehen.
- Stabilität – diese Menschen testen (meist unbewusst), ob wir bleiben. Ob wir standhalten. Ob wir sie aushalten.
- Körperliche Präsenz – unsere eigene Verkörperung ist das Medium, durch das Veränderung möglich wird.
- Bereitschaft zur Langsamkeit – Jahre, nicht Monate. Und das ohne Frustration.
Eine Einladung zur Selbstreflexion
Bevor du weiterliest: Nimm dir einen Moment. Vielleicht hast du gerade einen Klienten vor Augen, bei dem etwas »nicht greift«.
- Wie präsentiert sich dein Körper während eurer Sitzungen? Bist du wirklich geerdet – oder »funktional anwesend«?
- Was wäre, wenn das, was du für Widerstand hältst, in Wirklichkeit ein uraltes Sicherheitssignal ist?
- Wie viel Raum gibst du deinem Klienten, auch physisch? Wie sitzt ihr? Hast du schon mal gefragt, ob das für den Klienten gut ist?
Es gibt kein »richtig« oder »falsch« hier. Aber die Fragen lohnen sich.
Ein Plädoyer für Erweiterung
Ich schreibe das nicht als Kritik an Gesprächstherapie. Ich schreibe es als Plädoyer für ein erweitertes Verständnis.
Manche Verletzungen sitzen tiefer als Sprache reicht. Manche Muster sind älter als Narrative. Manche Heilung passiert nicht durch Reden, sondern durch Erfahrung – durch Beziehung, durch Körperkontakt, durch die gelebte Erfahrung: Ich bin willkommen.
Das anzuerkennen ist kein Eingeständnis von Schwäche. Es ist professionelle Reife.
Für die Menschen, die seit Jahren suchen. Die alles verstehen – und trotzdem leiden. Die nicht therapieresistent sind, sondern etwas tragen, das anders behandelt werden muss.
Weiterführende Literatur
Allan Schore:
- Affect Regulation and the Origin of the Self (1994)
- Affect Dysregulation and Disorders of the Self (2003)
- The Science of the Art of Psychotherapy (2012)
Körperpsychotherapie / Frühe Strukturen:
- Lisbeth Marcher & Sonja Fich: Body Encyclopedia (2010)
- David Boadella: Lifestreams: An Introduction to Biosynthesis (1987)
Ergänzend:
- Bessel van der Kolk: The Body Keeps the Score (2014)
- Daniel Siegel: Wie wir werden, die wir sind
- Stephen Porges: The Polyvagal Theory (2011)
- Daniel Siegel: Der achtsame Therapeut
- Dami Charf: Auch alte Wunden können heilen /You can heal

